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Pop

Karl Ratzer spielt Jazz, als wären's Wienerlieder

Karl Ratzer
(c) Porgy&Bess
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Der Gitarrist brachte im Porgy & Bess die Jazzballaden seines neuen Albums „My Time“ überzeugend.

Zuerst klagte er, er sähe die Leute nicht, dann aber zählte Karl Ratzer eine Reihe von Musikern auf, die im Auditorium saßen. Nein, die Sonnenbrille könne er nicht abnehmen, ohne diese wäre es nicht möglich, Jazz zu spielen! Da knotzte der alte Schmähbruder schon längst in einem Bürosessel, der aussah, als sei er in den Siebzigerjahren vom Magistrat ausgemustert worden. Auf seinem Schoß die blaue Gitarre. Und schon fiel sein aktuellster Spleen auf: Ratzer trägt schwarz lackierte Fingernägel. Vielleicht, damit man seinen zuweilen immer noch rasanten Läufen mit den Augen besser folgen kann.

Diese Sehhilfe wäre an diesem Abend nicht notwendig gewesen. Das prominent besetzte Trio – Peter Herbert am Bass, Howard Curtis am Schlagzeug – hatte ganz auf Ballade und auf kleiner Flamme simmernde Grooves einzustellen. Ratzer stellte nämlich sein neues Album „My Time“ vor. Als Opener fungierte „Down for R&B“, eine Hommage an den Bassisten Ray Brown, die dieser leider nie zu Gehör bekam, weil er, so Ratzer, „dann ein Bankl g'macht hat. Wir spielen es trotzdem für Sie.“ Und schon war er da, dieser glühende Gitarrenton, am ehesten vergleichbar mit dem von Wes Montgomery.

 

Mit 66 in prächtiger Form

In Österreich ist Ratzer seit Langem eine Legende. International hätte er viel mehr erreichen können, wenn er sich nicht so oft in den Kampf mit seinen Dämonen verstrickt hätte. Schön, dass er jetzt, mit 66, in so prächtiger Form ist. Sein Gesang ist im Lauf der Jahre immer berührender geworden. Kein Wunder, greift er doch darin auf Erfahrungen zurück, die er dem wilden Leben abgetrotzt hat. Lange kannte er die Liebe wohl nur aus Liedtexten. Vielleicht gerade deshalb kann er heute heikle Balladen wie „Don't Take Your Love from Me“ so authentisch interpretieren. Bezüglich Eigentümlichkeit kann er sich mit verblichenen Kollegen wie Jimmy Scott und Chet Baker vergleichen. Er tut es nicht, sondern konzentriert sich auf die Finessen der jeweiligen emotionalen Botschaft.

Besonders beeindruckend in Nat King Coles „Nature Boy“, das er als langsamen Bolero brachte. Bei Duke Ellingtons „Come Sunday“ schlampte er stimmlich: der einzige Schwachpunkt eines großen Abends, mit packenden Instrumentals von McCoy Tyner und Wayne Shorter und „Love Is a Many Splendored Thing“ und „Sweet Lorraine“ als Höhepunkten.

Dann packte Ratzer seine sieben Zwetschken, bedankte sich artig beim „Koberer von dera Hittn“ und kratzte den Fans noch lange Autogramme auf CD-Hüllen. Von den Hiesigen kann nur er amerikanische Stile wie Blues und Jazz so erklingen lassen, als wären sie in der Brigittenau entstanden. Grandios.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2016)