Vier von zehn Collegestudenten wissen nicht, dass die Alpen in Europa liegen, die Mehrheit glaubt, Chinas Wirtschaft sei die weltgrößte: Amerikas künftiger Elite ist die Welt fremd.
Washington. Richard Haass hat Präsident George H. W. Bush in Sachen der Nahostpolitik beraten, er war am Friedensprozess in Nordirland beteiligt und später die rechte Hand von Außenminister Colin Powell. Leicht bringt man diesen knorrigen republikanischen Außenpolitiker nicht aus der Fassung, doch am Dienstagmorgen war der Präsident des Council on Foreign Relations sichtlich verdattert: „Die Ergebnisse sind quer durch die Bank besorgniserregend. Kaum ein Viertel der Studenten weiß, dass die USA vertraglich dazu verpflichtet sind, Japan im Fall eines Angriffs militärisch zu verteidigen. Wir sehen ein durchgängiges Muster von Wissensmängeln.“
Haass' Organisation, eine der führenden außenpolitischen Ideenschmieden der USA, hat mit der National Geographic Society erstmals ermittelt, wie viel amerikanische Studenten über die Welt, die Außen- und Sicherheitspolitik wissen. Die Ergebnisse dieser Befragung von 1203 jungen Amerikanern zwischen 18 und 26 Jahren, die entweder studieren oder ein zumindest zweijähriges Studium abgeschlossen haben, legen große Ahnungslosigkeit über Grundlagen der amerikanischen Verfassung, der Beschaffenheit der Weltwirtschaft und die Lage wichtiger Länder und Gebirge offen.
Wo liegen Israel, der Iran, Irak?
„Nur 63 Prozent wussten, dass die Alpen in Europa liegen“, sagte Susan Goldberg, Chefredakteurin des „National Geographic Magazine“, bei der Vorstellung der Studie in Washington. „Eine Mehrheit wusste nicht, dass der Umstand, dass syrische Flüchtlinge nach Europa kommen, derzeit ein wichtiges Problem darstellt.“
Das Fehlwissen betrifft Umstände, die die Vereinigten Staaten unmittelbar betreffen, ebenso wie solche, die weit weg liegen. Nur 34 Prozent wussten, dass seit dem Jahr 2011 mehr Mexikaner die USA verlassen haben, als in sie eingewandert sind. 49 Prozent meinten das nachweislich falsche Gegenteil. 48 Prozent glauben, dass der Präsident gemäß der US-Verfassung die Kompetenz hat, Kriege zu erklären; nur 30 Prozent gaben die richtige Antwort, wonach dem Kongress dieses Recht zusteht. Auch Orte und Themen, die die militärischen und sicherheitspolitischen Engagements der USA seit Jahren prägen, sind Mehrheiten der akademisch gebildeten beziehungsweise sich derzeit akademisch bildenden Jugend nicht geläufig.
Auf einer unbeschrifteten Karte des Nahen Ostens fanden nur 31 Prozent Israel, 45 Prozent den Irak und 49 Prozent den Iran. Vor die Wahl zwischen Armenien, Indien, Indonesien und Südafrika gestellt, in welchem Land die Mehrheit der Menschen muslimischen Glaubens sind, entschieden sich nur 29 Prozent für Indonesien – genauso viele wie für Indien, und 23 Prozent waren der Meinung, das christliche Armenien sei mehrheitlich muslimisch. Zwei Drittel glauben irrigerweise, China habe die größte Volkswirtschaft der Welt; nur 29 Prozent wussten die richtige Antwort: USA.
Ein Problem bei der Bewertung dieser Ergebnisse liegt darin, dass es keinen Vergleich mit früheren Studien gibt. Es ist also nicht möglich, seriös zu behaupten, dass die künftige amerikanische Elite in Politik und Wirtschaft weniger Ahnung von der Welt außerhalb der USA hat, als das in früheren Generationen der Fall war. „Es ist aber nicht zum Lachen. Weniger als die Hälfte können Länder wie den Irak auf einer Landkarte finden, und wir lassen sie für uns in den Krieg ziehen. Das ist zutiefst verstörend“, sagte Gary Knell, Präsident der National Geographic Society.
Widersprüchliche Rezepte
Die wichtigste Informationsquelle für die Jugend ist laut dieser Umfrage mit 43 Prozent Facebook, gefolgt von den Nachrichtensendern CNN mit 40 und ABC News mit 33 Prozent. Dahinter folgen die Internetzeitung Huffington Post und Comedyshows mit 26 und 21 Prozent. Haass äußerte tiefe Skepsis über die Tauglichkeit der sozialen Medien, die Öffentlichkeit verlässlich zu bilden: „Sie sind nicht konsistent. Man kann selbst aussuchen, was einem gefällt.“ Goldberg stieß ins selbe Horn: „Man kann es heute in den sozialen Medien vermeiden, auf Dinge zu stoßen, denen man nicht zustimmt. Dieser Wissensmangel macht empfänglich für Demagogie.“
Doch dieser Analyse möglicher technologisch verstärkter Ursachen für die Bildungsmängel ließen die Diskutanten ein widersprüchliches Credo an technologische Lösungen folgen. „Wir müssen das Lernen unterhaltsam machen“, sagte Goldberg mit dem Verweis auf digitale Lernprogramme von National Geographic. Und Knell zückte sein iPhone und sprach: „Dieses Spielzeug, das uns Steve Jobs hinterlassen hat, ist der größte Lehrer, der jemals erfunden wurde.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2016)