20 Jahre Wenger: Professor Arsènal

Arsène Wenger nimmt 1996 nach 18 Monaten Abschied von den Fans des japanischen Vereins Nagoya Grampus Eight und Kurs auf die Insel. Am 22. September wird er der englischen Presse in London vorgestellt, am 1. Oktober 1996 beginnt seine Amtszeit als Arsenal-Trainer. Und sie dauert bis heute an.
Arsène Wenger nimmt 1996 nach 18 Monaten Abschied von den Fans des japanischen Vereins Nagoya Grampus Eight und Kurs auf die Insel. Am 22. September wird er der englischen Presse in London vorgestellt, am 1. Oktober 1996 beginnt seine Amtszeit als Arsenal-Trainer. Und sie dauert bis heute an.(c) REUTERS (Stefan Wermuth)
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Der Franzose Arsène Wenger feiert dieser Tage sein 20-jähriges Dienstjubiläum als Arsenal-Trainer. Über eine letzte lange Liebesehe im Milliardengeschäft Premier League.

Die gestählten Profis des Arsenal FC trauten ihren Augen nicht. Ray Parlour fühlte sich beim Anblick des neuen Trainers an Inspektor Clouseau aus „Der rosarote Panther“ erinnert. Kapitän Tony Adams fragte sich: „Was weiß dieser Franzose über Fußball? Er hat eine Brille und sieht mehr wie ein Schullehrer aus. Spricht er überhaupt richtig Englisch?“ Nun, der schlaksige Mann vor ihm beherrschte fünf Sprachen. Aber sein zurückhaltendes Auftreten, sein Professoren-Look, sein Wirtschaftsdiplom: Das alles passte nicht ins Bild des Insel-Trainers. Ein Ausländer als Manager war damals, 1996, eine Rarität. Es gab noch keine Mourinhos, Klopps, Guardiolas. „Arsène wer?“, witzelte der „Evening Standard“ 1996 über den Unbekannten.

Mittlerweile haben sie Arsène Wenger ein Denkmal gesetzt. Im Wortsinn. Der 66-Jährige geht im Emirates Stadium an seiner eigenen Bronzestatue vorbei. Drei Meistertitel errangen die Gunners unter seiner Regie: 1998, 2002 und auch 2004, als The Invincibles um Henry, Bergkamp und Vieira eine Saison ohne eine einzige Niederlage hinlegten. Seither gab es ausnahmslos Champions-League-Teilnahmen, aber eben keinen Ligagewinn. Und so wachsen vor Wengers 20-jährigem Dienstjubiläum am 1. Oktober die Zweifel, ob er Arsenal ins dritte Jahrzehnt führen soll. Sein Vertrag läuft zu Saisonende aus.

Arsène und Arsenal: Noch ist das die letzte Nibelungentreue im entromantisierten Milliardengeschäft Profifußball. Auf Platz zwei unter den amtierenden Premier-League-Trainern mit der längsten Vereinszugehörigkeit rangiert Eddie Howe. Knapp vier Jahre betreut er den AFC Bournemouth.

In seinen ersten Arsenal-Jahren machte Wenger Revolution. Als „langweiliges, langweiliges Arsenal“ waren die Nordlondoner wegen ihrer defensiven Spielweise verspottet worden. Unter Wenger gab es Spektakel. Offensivfußball wurde Teil der Corporate Identity eines sich zunehmend global vermarktenden Fußballkonzerns. 1996 machte Arsenal einen Umsatz von 21 Mio. Pfund. Im Vorjahr waren es – mitgetragen vom Höhenflug der Premier League – 345 Millionen. Und schon 2005 wagte Wenger den Tabubruch, nominierte einen Kader ohne Engländer: Es geht „um Werte, nicht um Reisepässe“, formulierte er einmal sein Credo.

Weltbürger. Von diesem Kosmopolitismus ist der Mann aus dem Elsass beseelt: „Ich wurde knapp nach dem Krieg geboren und dazu erzogen, die Deutschen zu hassen. Das weckte meine Neugierde. Also fuhr ich über die Grenze. Die Menschen dort waren überhaupt nicht anders. Ich erkannte die absolute Dummheit darin, sie zu hassen.“ Auch das verrauchte Bistro der Eltern im Heimatort Duttlenheim prägt Wenger. Schon mit „fünf, sechs“ Jahren sitzt er mit am Tisch, beobachtet: „Diese Zeit war eine sehr praktische psychologische Ausbildung.“ Wenger saugte auf, was die Erwachsenen zwischen Bier und Zigarette über Taktik ausplauderten. Als junger Kicker ist er der Kopf auf dem Platz. In den Beinen haben es andere.

Ein paar Mal darf er zwar in der Ersten Mannschaft von Racing Straßburg aushelfen. Richtig Karriere machte er erst als Trainer des AS Monaco. Und 1995 landete er in Japan. „Ein Kulturschock.“ Die Lebensweise in Fernost machte auf Wenger Eindruck, darunter die gesunde Ernährung. In England verhielt sich das etwas anders.

„Das gemeinsame Trinken nach dem Spiel war ein Sakrament“, sagte Tony Adams dem „11 Freunde“-Magazin. Sechs Wochen vor Wengers Ankunft wurde der alkoholkranke Abwehrhüne trocken. Adams: „Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Lehrer.“ Wenger stellte die Ernährung der Spieler radikal um, denn „die Engländer essen zu viel Zucker und Fleisch und zu wenig Gemüse“. Die Trainingseinheiten wurden mit der Stoppuhr getaktet. Le Professeur setzte auf die Wissenschaft. Englands Presse fand rasch Gefallen an dem Franzosen. Er gab immer eine Schlagzeile her. Auf Pressekonferenzen philosophiert er geistreich über Gott und die Welt, Armut und Brexit. Oder er verlangt die Einführung des Videobeweises. Manchester United läge dann nur in der Tabellenmitte, meinte er 2005 in einer Spitze gegen Alex Ferguson, der 27 Jahre lang den Manchester-Club trainierte. Der Franzose und der Schotte wurden nie Freunde, vielleicht auch, weil Wenger das gemeinsame Glas Wein nach Abpfiff ausschlug.

1999 landete Wenger seinen größten Transfer-Coup, als er den formschwachen Thierry Henry um elf Mio. Pfund nach Nordlondon holte. Henry, der Rekordtorjäger, hat nun auch eine Statue. Wenger krempelte alles um: Er schuf ein Trainingszentrum, das Maßstäbe setzt, machte die Jugendabteilung zu einem Herzstück des Vereins und orchestrierte 2006 den Umzug ins Emirates Stadium. Das alte „Highbury“ hatte zu wenig Gewinn abgeworfen. Arsenals Konkurrenzfähigkeit stand auf dem Spiel. „Move or die“ also. Für die nötigen Kredite verlangte eine Bank von Wenger die Zusage, fünf weitere Jahre im Amt zu bleiben. Wenger hielt Wort, sagte Real Madrid ab. In diesen Jahren der Enthaltsamkeit, des Schuldenabbaus, schaffte Wenger mit einem jungen Team um Fàbregas immer den Einzug in die Champions League. Vielleicht liegt darin seine größte Leistung.

Heute ist das Stadion eine Goldgrube (auch wegen der höchsten Ticketpreise Englands). Ligatitel gibt es trotzdem nicht. Wenger reagiert zunehmend dünnhäutig auf Kritik. Medien zeichnen ihn als sturen und knausrigen Idealisten, der jahrelang ähnliche Spielertypen verpflichtete – eher klein gewachsene, junge Edeltechniker –, obwohl die Problemzonen im zentralen Sturm und der Defensive liegen. Letztere wurde nun mit Xhaka und Mustafi verstärkt.

Nach dem eher verhaltenen Ligastart sind die Fans weiter gespalten zwischen Wenger-Loyalisten und dem Rest. Auch die Kritik von Exspielern wird lauter. „Arsène, thanks for the memories“, stand heuer auf einem Fanplakat „but it's time to say goodbye“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2016)

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