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Der „Tanz mit dem Teufel“ Google

Digitalchef Mathias Müller von Blumencron
(c) FAZ
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Nach einem Sparkurs wird bei der „FAZ“ wieder investiert – und die Leser müssen für das Premiumangebot online zahlen, sagt Digitalchef Mathias Müller von Blumencron.

Die Presse: Sie diskutieren bei den Medientagen in Wien zum Thema „Die Zukunft des Gedruckten“. Wie sieht die aus?

Mathias Müller von Blumencron: Es interessiert mich nicht, ob in Zukunft weniger auf Papier gelesen wird – mich interessiert, ob wir das, was wir jetzt auf Papier leisten, im Digitalen auch hinbekommen. Hauptsache, wir schaffen es, auch im Digitalen ein Geschäftsmodell zu etablieren, mit dem wir unsere Redaktion und damit unsere hohe Qualität finanzieren können. Das ist eine für den Fortbestand der Debattenkultur im Land elementare Aufgabe. Für uns werden die digitalen Abo-Gebühren, die die Leser bereit sind zu zahlen, immer wichtiger.

Viele Printmedien stecken in der Krise.

Wir haben einen Umbruch beim Geschäftsmodell, keine Krise des Journalismus. Die gedruckten Auflagen gehen zurück, die Anzeigenerlöse auch. Dafür gewinnen wir im Digitalen. Mit unseren digitalen Abos etwa, auch bei der Vermarktung. Immer mehr Qualitätszeitungen offerieren kostenpflichtige Zusatzangebote, die von den Lesern angenommen werden. Wir kommen sehr gut voran.

Verdient wird aber nach wie vor mit der gedruckten Zeitung, nicht mit Digital.

Ein sehr großer Teil der Umsätze, die ein Verlag mit journalistischen Produkten erzielt, kommt nach wie vor vom Gedruckten. Aber der Anteil des Printumsatzes schwindet, zum Teil rapide, die Digitalumsätze steigen – ebenso rapide. Noch reicht allerdings das, was wir digital dazugewinnen, nicht aus, um das wettzumachen, was wir im Gedruckten verlieren.

Die „FAZ“ musste seit 2014 hart sparen, zwanzig Millionen Euro im Jahr, und 200 Stellen streichen. Wie geht es jetzt?

Die „FAZ“ hat ein schmerzhaftes Restrukturierungsprojekt auf der Verlagsseite durchgezogen und sich dadurch den Freiraum erkämpft, wieder in neue Produkte zu investieren. Unser letztes Jahr war sehr profitabel. Wir sind wieder in den schwarzen Zahlen und verdienen Geld, das wir zum überwiegenden Teil in neue Produkte investieren.

Wann kommt bei der „FAZ“ die Bezahlschranke, und wie soll das Angebot aussehen? Sind die Leser bereit zu zahlen?

Wir schaffen keine Bezahlschranke, sondern ein Premiumangebot. Es kommt in naher Zukunft. In der Premiumsektion werden auf FAZ.net die besten Beiträge aus der Zeitung integriert. Sie kosten allerdings Geld. Zudem können Sie dann auch im Web auf die ganze Ausgabe der Zeitung zugreifen. Wir haben ein sehr schönes Wachstum bei den digitalen Abos – die kann man als E-Paper oder in der geräteoptimierten Form der FAZ Plus lesen – und hoffen, das durch die Premiumsektion noch zu steigern.

Wie ist das Verhältnis Print zu E-Paper?

Wir sind jetzt bei einer verbreiteten Auflage von 270.000 Stück – und haben inklusive Sonntagszeitung knapp 50.000 Digital-Abos. Bei Digital-Abos haben wir im Moment Zuwächse von über zwanzig Prozent pro Jahr.

Kann und soll man sich als Verlag mit Facebook und Google arrangieren?

Es ist immer ein Tanz mit dem Teufel. Wir sind auf Dienste angewiesen, wie sie Google leistet: Es gibt nichts Nützlicheres als eine Suchmaschine. Insofern profitieren wir. Wir finden aber nicht so gut, dass Google davon noch mehr profitiert als wir. Aber so sind nun einmal die Gesetze des Wettbewerbs. Facebook ist auf einer anderen Ebene sehr mächtig und wird von uns gefüttert in Form von Instant Articles, die wir Facebook zur Verfügung stellen. Die können wir auch vermarkten – nur sind die bisherigen Ergebnisse so, dass wir zwar mehr Traffic messen, aber keinen Zuwachs auf der Vermarktungsseite. Da sind noch nicht die Modelle gefunden, die uns glücklich machen.

Als die „FAZ“ den Google-Pakt unterzeichnet hat, haben Sie getwittert, Sie seien „skeptisch optimistisch“. Wie läuft es?

Es gibt keinen Pakt, schon gar nicht mit Google. Aber wir sind Teil der Digital-News-Initiative, einer Verhandlungsrunde zwischen Google und etwa zehn führenden europäischen Verlagen. Wir alle sehen das als Versuch, im intensiven Gespräch mit Google unsere Bedingungen nachhaltig zu verbessern. Google zeigt ein gewisses Interesse daran, das Geschäftsmodell der Verlage zu stabilisieren. Aber mit dem, was wir bis jetzt gesehen haben, sind wir noch nicht zufrieden.

Immer wieder wird der Ruf laut, die Politik solle die Verlage unterstützen.

Die Politik kann uns nur in geringem Maße helfen. Wir verstehen uns als privatwirtschaftlichen Verlag und rufen nicht nach dem Staat, der uns dies oder jenes garantieren soll, was er im Prinzip gar nicht kann. Es liegt an uns, unsere Leser zu erreichen und unser Produkt auch digital so darzubieten, dass die Leser bereit sind, dafür zu zahlen. Was wir von der Politik aber erhoffen ist, dass sie uns das Geschäft nicht schwerer macht, als es ohnehin schon ist.

Was halten Sie von der Idee eines europäischen Leistungsschutzrechts?

Das Leistungsschutzrecht, das in Deutschland und Spanien eingeführt wurde, hat keinen Erfolg gehabt. Leider genau, wie es die Kritiker vorausgesagt haben. Und ich kann mir im Moment nur schwer vorstellen, wie wir auf europäischer Ebene mit einem Leistungsschutzrecht zu erheblichen neuen Einkünften kommen sollten.

ZUR VERANSTALTUNG

Die Medientage finden am 20. und 21. 9. am WU-Campus in Wien statt. Über die Zukunft der Printmedien diskutieren Miriam Meckel („Wirtschaftswoche“), Oliver Eckert (Burda), Jan Eric Peters (Springer), Mathias Müller von Blumencron („FAZ“). Den TV-Schwerpunkt eröffnet Yaser Bishr (Al Jazeera). Minister Thomas Drozda spricht mit VÖZ-Präsident Thomas Kralinger, ORF-General Alexander Wrabetz und Puls4-Chef Markus Breitenecker über Medienpolitik. http://medientage.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2016)