Die Autorin Lionel Shriver kritisiert auf einem Festival die Abgründe politischer Korrektheit – und wird dafür von den Veranstaltern zensiert.
Vor Kurzem sorgte die amerikanische Schriftstellerin Lionel Shriver auf dem Literaturfestival im australischen Brisbane für einen mittelschweren Eklat. Shriver, bekannt vor allem durch ihren mit Tilda Swinton verfilmten Roman „We Need to Talk about Kevin“ (2003) über die Mutter eines jugendlichen Amokschützen, spießte in ihrer Festrede das neueste Steckenpferd der Verfechter politischer Korrektheit auf, nämlich die „kulturelle Aneignung“. Damit ist im zeitgenössischen Kontext der Kulturkriege in der amerikanischen Öffentlichkeit jene Praxis gemeint, bei der weiße Künstler Aspekte einer anderen und sich selbstverständlich in der Minderheit befindlichen Kultur aneignen. Ein jüngeres prominentes Beispiel dafür ist Adam Johnsons Nordkorearoman „The Orphan Master's Son“, der vor drei Jahren den Pulitzerpreis gewann: Johnson ist weiß und spricht nicht Koreanisch, und das erzürnt unter anderem die koreanischstämmige Autorin Suki Kim, die in „Without You, There is No Us“ über ihr halbes Jahr als Englischlehrerin in Nordkorea berichtet hat.
Shriver sah sich im Rahmen der Besprechung ihres neuen dystopischen Romans „The Mandibles: A Family, 2029–2047“ selbst mit dem Vorwurf der kulturellen Aneignung konfrontiert. Eine der Figuren darin ist nämlich eine Afroamerikanerin, die an Frühdemenz erkrankt und von ihrem weißen, linksliberalen Ehemann aus Selbstschutz angeleint wird.
Für ihren Vortrag in Brisbane setzte sich Shriver einen Sombrero auf, um jenen Zwischenfall am Bowdoin College in Maine zu illustrieren, bei dem weiße Studenten eine Tequilaparty veranstaltet, zum Spaß Sombreros getragen haben und darob beinahe aus der Hochschule geschmissen worden wären. Denn wenn ein Weißer einen Sombrero trägt, lautet die empörte, politisch korrekte Kritik, dann macht er sich über Mexikaner lustig (diese Stimmen können allerdings nicht schlüssig erklären, wieso mexikanische Imbissbetreiber ihre Etablissements ähnlich stereotyp dekorieren).
Shriver verteidigte ihr Recht als Schriftstellerin, jedwede Person jedweder Herkunft in jedweder Lebenslage zu porträtieren, wenn sie das für ihre künstlerischen Zwecke für erforderlich hält. „Anderenfalls könnte ich nur über neunmalkluge weiße 59-jährige Frauen aus North Carolina schreiben.“
Die Reaktion darauf war erwartbar. Eine australische Autorin ägyptisch-sudanesischer Herkunft namens Yassmin Abdel-Magied stürmte aus dem Vortragssaal und tat ihren Unmut über Shrivers „vergiftetes Päckchen, das in Arroganz eingewickelt und mit Herablassung überbracht wurde“, via Twitter kund. Die Veranstalter organisierten daraufhin hastig eine „Right to Response“-Session. Shrivers Redetext hingegen verschwand kurzfristig von der Website der Veranstalter; ein technisches Versehen, hieß es später kleinlaut, nachdem die „New York Times“ berichtet hatte.
Shriver erzählte der „Times“, dass sie nach ihrer Rede von einer Australierin wüst attackiert wurde: „Wie können Sie es wagen, in mein Land zu kommen und unsere Minderheiten zu beleidigen?“ Dabei hatte Shriver die Aborigines mit keinem Wort erwähnt. Offenkundig hatte die Dame nur vom Aufruhr über Shrivers Rede, aber nicht die Rede selbst gehört.
Der berechtigten Debatte, wo die künstlerische Arbeit mit der Kultur von Minderheiten die Grenze zu deren Ausbeutung überschreitet, ist mit dieser Episode nicht gedient. Oft scheint hinter der Empörung purer Neid weniger erfolgreicher Konkurrenten zu stecken. Doch immerhin hat diese australische Aufregung Yassmin Abdel-Magied 15 Minuten Berühmtheit gebracht – in Form eines Gastbeitrags im „Guardian“.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2016)