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Philosophicum Lech: Die Klagen des Hiob, die Schreie des Marsyas

Wolkenstimmung
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„Über Gott und die Welt“ ist heuer, beim 20. Mal, das denkbar allgemeine Motto. Am literarischen Vorabend rissen Köhlmeier und Liessmann einige klassische Themen pointiert an.

Wie kann Gott allmächtig und gütig zugleich sein? Das Philosophicum Lech – beziehungsweise der „philosophisch-literarische Vorabend“, der es traditionellerweise eröffnet wie das „Rheingold“ den „Ring“ – hatte kaum eine halbe Stunde gedauert, und da war sie auch schon, die Theodizee, das leidigste aller Probleme der Theologie: Wie kann sich Gott für das Böse in der Welt rechtfertigen?

Naheliegend, dass Michael Köhlmeier das biblische Buch Hiob nacherzählte. Die Antwort, die es auf die obige Frage gibt, ist denkbar kühl: Der allmächtige Gott muss sich nicht rechtfertigen. Dem – ohnehin recht mild – mit ihm hadernden Hiob begegnet er ohne Empathie, demütigt ihn weiter. Jahwe ist nicht an ein ethisches Gesetz gebunden und auch nicht – im Gegensatz zu Wotan – an Verträge. „Der Mensch hat keine Rechtsansprüche gegen Gott“, sagte Konrad Paul Liessmann.

So führt Gott dem Hiob triumphal seine eigene Macht und dessen Ohnmacht vor Augen. „Kannst du den Leviathan mit dem Haken ziehen?“, fragt er: „Niemand ist so kühn, dass er ihn reizen darf.“ Der Leviathan, ein Ungeheuer der jüdischen Mythologie, wurde von Thomas Hobbes 1651 mit dem Staat identifiziert, heute würden etliche Ökonomen ihm wohl eher die Finanzmärkte zuordnen. Doch bei Hobbes ist der Staat die einzige Instanz, um den Krieg aller gegen alle zu verhindern. Womit gleich zwei Themen angerissen waren, mit denen sich das Philosophicum bereits ausführlich befasst hat (mit Krieg im Jahr 2000, mit dem Staat 2010): Solche Reminiszenzen liegen nahe, da heuer, zum 20. Mal, das Motto in feierlicher Allgemeinheit „Über Gott und die Welt“ lautet.

 

Braucht Gott unser Mitleid?

„Philosophieren in unruhiger Zeit“ ist der Untertitel des heurigen Philosophicums, das bis Sonntag dauert. Ganz ruhig war die Zeit auch nicht, als Hans Jonas und Günther Anders die Theodizee neu aufbrachten und bitter aktualisierten: Wie konnte Gott Auschwitz zulassen? Jonas sagte, Gott könne eben nicht allmächtig und gut zugleich sein: Er schlug vor, man müsse ihn sich schwach denken, als einen Gott, der Mitleid verdient. Anders zog einen radikaleren Strich: Wenn es einen Gott gäbe, hätte er Auschwitz verhindert. Also könne es keinen Gott geben. Bei einem Kollektiv von Göttern, die miteinander hadern oder gar wetten – wie im Buch Hiob Jahwe mit dem Teufel –, stellt sich die Frage der Theodizee nicht so scharf. „Ich bin noch in dem Glauben erzogen worden, dass der Schritt von vielen Göttern zu einem Gott ein zivilisatorischer Fortschritt war“, sagte Liessmann – und deutete die von Köhlmeier pointenreich vorgetragene Entstehung des Dionysos, des zweimal geborenen Gottes. Dessen Mutter, Semele, verbrennt, weil sich sein Vater, Zeus, ihr in seiner wahren Gestalt zeigt. Über die Burka könne man ja unterschiedlicher Ansicht sein, kommentierte Liessmann trocken, aber für Götter scheine sie doch angebracht.

In der dritten Geschichte des Abends ging es dann – wie beim Philosophicum 1998 – um Ästhetik, um Kunst. Köhlmeier erzählte vom musikalischen Wettkampf zwischen Apollo (auf der Lyra) und dem Satyr Marsyas (auf dem Aulos). Die nicht wirklich unparteiischen, da dem Apoll verpflichteten Musen erklärten diesen zum Sieger, worauf er Marsyas aufhängen und schinden (die Haut abziehen) ließ. Wie könne diese empörende Grausamkeit mit dem Schönen einhergehen, fragte Liessmann und erzählte eine nicht minder verstörende Geschichte seines geliebten Kierkegaard, in der Todesschreie eines Gequälten fürs Publikum wie Musik klingen. Wenn man Gott mit dem Publikum identifiziert, wäre das nicht eine entsetzliche ästhetische Deutung der Theodizee?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2016)