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Moskau zapft erneut Kapitalmarkt an

Russian Finance Minister Siluanov speaks during news conference in Moscow
(c) REUTERS (MAXIM ZMEYEV)
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Sanktionen und Krise verlieren ihren Schrecken. Ausländische Investoren reißen sich um Moskaus zweite Staatsanleihe dieses Jahr. Russland braucht auch dringend andere Geldquellen.

Wien. Drei Monate vor Jahresende begibt Russland nun doch eine zweite Dollaranleihe und nützt damit den gesetzlichen Spielraum aus, der die Geldaufnahme im Ausland für heuer mit drei Mrd. Dollar beschränkt. Konkret wurden am Donnerstag Papiere für 1,25 Mrd. Dollar platziert, wie der russische Finanzminister, Anton Siluanov, am späteren Abend in Moskau erklärte. Im Mai hatte sich das Land 1,75 Mrd. Dollar auf dem Markt geholt, nachdem man zuvor zwei Jahre lang – also seit Beginn der Sanktionen des Westens Mitte 2014 – auch aufgrund des amerikanischen Drucks auf westliche Investoren davon Abstand gehalten hatte.

Damit nicht genug, will Russland heuer sogar zum ersten Mal Rubel-Bonds, denominiert in Yuan, emittierten, wie Konstantin Vyschkovski, Leiter der Staatsschuldenabteilung im Finanzministerium, gestern gegenüber Reuters sagte: Man müsse noch die Änderungen im Budget vornehmen.

 

Aufgehellte Stimmung

Die Stimmung gegenüber Russland hat sich deutlich gebessert. Und so war das jetzige Anleihenangebot begehrt. Die Nachfrage nach den zehnjährigen Anleihen sei bei mehr als 7,5 Mrd. Dollar gelegen, erklärte Siluanov: An die 200 Investoren hätten mitgeboten. Zum Zug gekommen seien nur Ausländer, wobei 53 Prozent der Summe auf US-Investoren kämen. Die Rendite lag bei 3,9 Prozent.

Dass die zweite Emission in diesem Jahr unter einem besseren Stern steht als die erste, hat auch mit der Erwartung zu tun, dass das Clearinghouse Euroclear die neuen Papiere sofort akzeptiert. Bei der Emission im Mai war das nicht der Fall. Die Rendite lag damals bei 4,75 Prozent.

„Der Risikoappetit auf russische Anleihen ist auf ein Niveau zurückgekehrt, das es lange Zeit nicht gegeben hat“, sagte kürzlich Blazej Dankowski, Leiter Anleihekapitalmärkte Russland und Kasachstan bei Citigroup in London, gegenüber Bloomberg. „Die Renditen sind wieder auf das Niveau von Anfang 2014 zurückgekehrt.“

Das russische Finanzministerium braucht das Geld vom Kapitalmarkt nicht nur deshalb, weil der seit zwei Jahren tiefe Ölpreis Löcher ins Budget gerissen hat. Es braucht es auch deshalb, weil große Ungewissheit herrscht, wie es mit der vielfach angekündigten Privatisierung großer Staatsbetriebe vorangeht. Erst vor Kurzem ist bekannt geworden, dass die ursprünglich für heuer geplante Privatisierung des Ölkonzerns Bashneft auf unbestimmte Zeit verschoben worden ist.

 

Alternative Geldquellen

In den vergangenen Tagen mehrten sich Meldungen, dass Russland nach einer zweijährigen Rezession auf dem Weg der Stabilisierung sei. So hat die Ratingagentur S&P den Ausblick für das Land bei unverändertem BB+-Rating (Fremdwährung) bzw. BBB--Rating (Rubel) von negativ auf stabil angehoben.

Eigentlich hat der Staat großen Spielraum für neue Schulden, liegt doch die öffentliche Verschuldung unter 15 Prozent des BIPs. Aber er hat auch Angst vor zu großen Abhängigkeiten. Längst werden daher die beiden Staatsfonds zur Finanzierung des Haushalts herangezogen. Im ersten Halbjahr wurden 18 Mrd. Dollar entnommen, sodass Ende August im Reservefonds noch 32 Mrd. Dollar und im Nationalen Wohlfahrtsfonds, der eigentlich für Rentenfinanzierungen vorgesehen ist, 73 Mrd. Dollar übrig waren.

Russland werde daher 2017 mindestens drei Mrd. Dollar auf dem Kapitalmarkt aufnehmen, verlautete gestern aus dem Finanzministerium. Und man denkt an andere Geldquellen – etwa eine partielle Pensionsreform oder eine Erhöhung der Zölle auf den Ölexport.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2016)