Schulwahl: Wenn Eltern den Schulsucher rufen

Bei Schulbesichtigungen ist er meist inkognito, als interessierter Vater, unterwegs, sagt Schul-Profiler Gerhard Patzner.(c) Stanislav Jenis

Gerhard Patzner berät Eltern in Wien bei der Suche nach einer passenden Schule für ihr Kind. Das kostet. Für sein Honorar erspare er ihnen aber „Zeit und Kopfzerbrechen“.

Wien. Sein Auftreten ist leise und bedächtig. Er achtet darauf, seinen Beruf nicht als spektakulär erscheinen zu lassen. Doch tatsächlich ist er das. Gerhard Patzner arbeitet als Schul-Profiler – wobei er bei dem Wort selbst zwinkert. Seit zwei Jahren hilft er Wiener Eltern, die passende Schule für ihr Kind zu finden. Gegen Geld freilich, denn Patzner ist nicht etwa beim Stadtschulrat angestellt, sondern privat tätig. „In den vergangenen 15 Jahren ist die Schullandschaft in Wien sehr viel bunter und vielfältiger geworden“, sagt der 45-Jährige. Das hänge mit der Schulautonomie zusammen.

Die Schulen geben sich eigene Profile und werden immer unterschiedlicher. Die Eltern würden bei der Suche „spüren, dass es nicht mehr einerlei ist, welche Schulen sie wählen“. Das verunsichert. Und genau hier kommt Patzner ins Spiel. In Beratungsgesprächen versucht er, die Wünsche der Eltern, die ihn aufsuchen, zu priorisieren. Die Kinder lernt er nicht kennen. Im Schnitt dauert eine Beratung ein bis zwei Stunden, am Ende werden den Eltern maximal drei Schulen präsentiert, die sich diese ansehen sollen. Die Kosten liegen durchschnittlich bei 120 Euro pro Beratung. Die Anfragen steigen kontinuierlich, wie Patzner sagt, der Bedarf ist also offenbar da.

Allein 270 Volksschulen

Doch wie wird man zum Schulberater? Patzner studierte Erziehungswissenschaften an der Uni Wien, arbeitete als Lehrer und in der Lehrerausbildung. Wie viel Aufwand die Suche nach einer passenden Schule bedeuten kann, lernte der vierfache Vater aber erst durch seine eigenen Kinder. „Ich erspare den Eltern viel Zeit und Kopfzerbrechen“, sagt er.

Rund 270 Volksschulen, 130 Mittelschulen und 90 Gymnasien gibt es derzeit in Wien. Und im Vergleich mit anderen Bundesländern besuchen relativ viele Schüler (nämlich nach Statistik Austria 18,6 Prozent im vorvergangenen Schuljahr) eine Privatschule. Unter den alternativen, konfessionellen und öffentlichen Schulen die richtige zu finden, kann also auch innerhalb eines Bezirks einige Zeit in Anspruch nehmen. Und die Wohnortnähe sei bei vielen, aber nicht bei allen wichtig.

Dass die Schulsuche besonders von gebildeten Eltern immer ernster genommen wird, kann man vielerorts hören. Doch liegt das tatsächlich nur an der Diversität der Schulen? Wenn man Patzner fragt, ob sich die Elternschaft nicht auch verändert hätte, antwortet er sehr vorsichtig, dass es „vielleicht auch manchmal überzogene Erwartungen“ gebe. Dann würde er den Eltern sagen, dass man die perfekte Schule in der Regel nicht findet. Und dass die Schule nicht allein über Gedeih und Verderb entscheide.

Die für ihn interessanten Daten (etwa welche Volksschule einen Sprachschwerpunkt hat und wann und wie die Anmeldung läuft) erfährt Patzner von den Schulen direkt. Er besucht sie übrigens meist inkognito – als interessierter Vater. Auf Gerüchte gibt er nicht viel, denn je nach persönlicher Erfahrung hätten Eltern oft sehr unterschiedliche Meinungen über eine Schule. Idealerweise soll man sich übrigens zwei Jahre Zeit für die Suche nach der richtigen Schule nehmen, wobei einige Schulen (und zwar nicht nur die privaten) lange Vormerklisten hätten.

Privatschulen nicht bevorzugt

Doch hat Patzner keine Lieblingsschulen? Kann er als Montessori-Lehrer seine persönlichen Vorstellungen von einer guten Schule bei der Beratung hintanhalten? „Das ist kein Thema, bei dem Dogmatik Platz hat“, sagt er – und man glaubt es ihm. „Jedes System hat seine Vor- und Nachteile. Und es gibt sehr viele tolle Schulen in Wien, sowohl öffentliche als auch private.“ Die Unterschiede zwischen den Schulen, so glaubt Patzner, werden weiter zunehmen. Das macht für die Eltern die Schulwahl noch schwieriger. Vielleicht ist er also bald nicht mehr allein in seinem Beruf. Oder verdient so viel, dass er auch tatsächlich davon leben kann.

ZUR PERSON

Gerhard Patzner studierte Erziehungswissenschaften in Wien, arbeitete in der Lehrerausbildung und als Montessori-Lehrer. Eltern suchen seine Beratung bei der Suche nach einer Volksschule, bei Schulwechseln oder auch, wenn die Gymnasialreife fraglich ist. Der 45-Jährige stellt ihnen nach einem Beratungsgespräch maximal drei passende Schulen vor, die die Eltern dann selbst besuchen.

Merken

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2016)