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Philosophicum: Luxus an Momenten

(c) FABRY Clemens
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Die „Presse“-Stipendiaten des Philosophicums Lech erzählen vom kollektiven Brummen der Köpfe sowie von gar nicht mehr so unnahbaren Philosophen.

Lech. Es erscheint wie Neuland, ein solches Stipendium genießt man doch nicht alle Tage. Wir mischen uns ins Getümmel. Stimmungen, Resonanzerfahrungen und eine Menge Wein. Es wird spät, vermeintliche Unnahbarkeit bedeutender Philosophen wird abseits vom Rednerpult im Nu überwunden. Es kann über Gott und die Welt gesprochen werden und das verbindet ungemein. Kontroversen treffen auf dem Berg aufeinander – erfrischen, bewegen, ermutigen. Und immer wieder lässt einen eine Darbietung erzittern, erinnert daran, warum man hier ist und wo man hinwill. Es fühlt sich in Adorno'scher Weise wie ein Aufwind an, bei dem es sich gut schlafen lässt – wenn auch nicht allzu viel.

Schon sind wir wieder beim Morgen, brechen voller Spannung auf – in die Welt, die es nicht gibt, wie uns der deutsche Philosoph Markus Gabriel offenbart. Die Vielfalt, die hier um sich greift, erzeugt eine unvergleichliche Atmosphäre, in die wir uns stimmig einfügen. In einem zumeist sehr lebenserfahrenen Publikum entsteht das Gefühl lernen und in besonderer Weise wirken zu können. Die Begeisterungsfähigkeit, die wir jung an Jahren einbringen, rundet sich gehaltvoll im Diskurs mit Menschen unterschiedlicher Positionen ab. Ein kollektives Brummen der Köpfe nach langen Tagen scheint die idyllische Landschaft beben zu lassen.

Schon sind wir wieder beim Wein. Doch nicht ohne zumindest erahnen zu können, wie sich die umliegende Szenerie als Schöpfung à la Peter Strasser, der auch am Philosophicum referierte, betrachten lässt. So anregend, so gut und so emotional wird man unter anderem durch den deutsch-brasilianischen Philosophen Carlos Fraenkel dazu veranlasst, eigene Blickwinkel zu weiten, sich und seine eigenen Argumente zu reflektieren. Um all das verarbeiten zu können, erscheint die Philosophenbar als treuer Begleiter täglichen Abendprogramms.

Und als hätte jemand auf Hartmut Rosas Beschleunigung gedrückt, ist die Zeit hinfort und wir mit ihr. Was bleibt, ist die Gewissheit darüber, wie erstrebenswert es ist, sich diesem Kontrastprogramm hinzugeben und dem Philosophicum Lech einen jährlichen Besuch abzustatten. Ein Luxus an Momenten im Sinn des deutschen Philosophen Lambert Wiesing, für die es sich durchaus lohnt, vermeintlich überflüssige karierte Hemden oder gepunktete Krawatten zu packen, sich fast schon dionysisch treiben zu lassen, um letztlich unverbesserlich optimistisch hoffen zu können, dass es keines Gottes bedarf, um uns zu retten, wie Martin Heidegger befürchtet hat. Es obliegt vielmehr unserem eigenen Hören und Antworten, wofür sich hier ein besonders trefflicher Übungsraum bietet – in dem uns Konrad Paul Liessmann beinahe fürsorglich unter seine Fittiche nimmt.

AUF EINEN BLICK

Die Gastautoren. „Die Presse“ und die Gemeinde Lech am Arlberg haben vier Studenten und den Gewinner der Philosophie-Olympiade zum 20. Philosophicum Lech eingeladen. Diesmal verschrieb sich das Philosophicum dem Thema „Über Gott und die Welt. Philosophieren in unruhiger Zeit“. In diesem Beitrag erzählt die Stipendiatin Christina Fritz im Namen aller Stipendiaten (Sonja Dörfel, David Fraissl, Michael Pfeifer, Maikel Schmäling) von ihren Erlebnissen und Erfahrungen beim Philosophicum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2016)