Hunger nach der geraubten Jugend

Für die Heldin Ethel haben die dünkelhaften Bürger, die sie im familiären Salon kennenlernte, Mitschuld am Kriegsgrauen. J. M. G. Le Clézios „Lied vom Hunger“: eine Parabel auf die Gegenwart, auf das Verhältnis von armer und reicher Welt.

Ob brüllende Gorillas in Nigeria oder Mythen erzählende mexikanische Ureinwohner – wenn Jean-Marie Gustave, kurz J. M. G. Le Clézio, prägende Erlebnisse seines Lebens aufzählt, wie er es vergangenes Jahr in seiner Dankesrede zum Literaturnobelpreis tat, dann sind diese fast immer außerhalb Europas, außerhalb auch der westlichen Zivilisation angesiedelt.

Von dieser hat sich der heute 69-Jährige im Lauf seines Schreibens immer schärfer distanziert – und, wie das Nobelpreiskomitee offenbar befand, damit der Menschheit größten Nutzen erwiesen – denn das ist ja eine Voraussetzung für die Preiswürdigkeit. Le Clézios Romane lesen sich nicht nur als
Literatur, sondern auch als Sündenregister derwestlichen Welt. Da geht es um Kolonialismus in alter und neuer Form – etwa in seinem erfolgreichsten, 1980 erschienenen Roman „Désert“ („Wüste“) –, um Menschenhandel und Kinderausbeutung, um Krieg, Unterdrückung von Minderheiten und Umweltzerstörung. Immer ähnlicher scheint der Autor dabei einigen Figuren seines Romans „Ourania“ (2005) zu werden – jenen Forschern in der mexikanischen Einöde, die beschließen, sich völlig von der westlichen Zivilisation abzukehren.

Der Zorn des 1940 in Nizza geborenen Le Clézio ist zwar auch in seinem jüngsten Roman, dem „Lied vom Hunger“, hörbar, aber durch einen dicken Polster aus Melancholie gedämpft. Dieses Buch ist „im Gedenken an eine junge Frau geschrieben, die ungewollt mit 20 Jahren eine Heldin war“ – Le Clézios Mutter. Es erzählt die Geschichte einer Jugendlichen und später jungen Frau vor und während des Zweiten Weltkriegs.

Ethel Brun lebt als Einzelkind mit ihren Eltern in Paris. In sonntäglichen Salongesprächen diskutiert man in ihrer Gegenwart über den Börsenkrach, Mussolini und Hitler, über die „semitische Lepra“ oder die „Neger und Ausländer, die Frankreich überschwemmten und Notre-Dame bald in eine Synagoge oder Moschee verwandeln würden“. Hinter dieser großbürgerlichen Fassade verbergen sich eine zerrüttete Ehe und ein zerrinnendes Vermögen – denn der Vater, träumerischer Nachfahre eines Bretonen, der einst in die französische Kolonie Mauritius ausgewanderte, versenkte das familiäre Vermögen in windigen Projekten.

Zwei Menschen sind für Ethel zunächst eine Zuflucht aus der familiären Tristesse: Da ist ihr Großonkel Monsieur Soliman, der sie zum Träumen bringt; er nimmt sie auf die Weltausstellung mit und kauft den dortigen Pavillon von Französisch-Indien, um das „violette Haus“, wie Ethel es nennt, auf seinem Grund wieder aufzubauen. Und da ist die aus Russland stammende Schulkollegin mit dem sprechenden Namen Xénia („die Fremde“), zu der Ethel in Tonio-Kröger-artiger Zuneigung entflammt. Doch der Traum vom „violetten Haus“ zerschellt. Soliman stirbt, der Vater bringt die als Alleinerbin eingesetzte Ethel um ihre Rechte und lässt statt des Pavillons eine Mietskaserne errichten. Xénia wiederum sucht sich einen reichen Mann und verwandelt sich von einem Idol in eine „Frau wie jede andere“. All ihrer Illusionen beraubt, findet sich Ethel in Nizza wieder, wo sie ihre Bankrott gegangenen Eltern durch den Krieg bringt, bevor sie schließlich einen jungen englischen Juden heiratet und nach Kanada auswandert.

Ethels Hunger ist metaphorisch, es ist der Hunger nach einer geraubten Jugend. „Ritournelle de la faim“, heißt das französische Original, „Ritournelle“ ist ein musikalischer Refrain, eine hartnäckig wiederkehrende Tonfolge – ähnlich wie in Ravels „Boléro“, dessen Premiere Ethel als Achtjährige miterlebt hat. „Der ,Bolero‘ ist nicht ein Musikstück wie irgendein anderes“, schreibt der Erzähler dazu im Epilog. „Der ,Boléro‘ ist eine Prophezeiung. Er erzählt eine Geschichte von Zorn und Hunger. Und wenn er in einem Auflodern von Gewalt endet, ist die darauf folgende Stille für die betäubten Überlebenden furchtbar.“

Nicht erst hier hat man den Eindruck, der Autor melde sich unverhüllt zu Wort. Auch dann, wenn der Teenager Ethel gar zu hellsichtige Kommentare abgibt wie „Im Salon der Titanic hat es vermutlich ebensolches Geschwätz gegeben, bevor sie sank“ oder, über ihre Verwandten, „Sie hatten geglaubt, sie gehörten der Rasse der Herrschenden an, seien Nachkommen der Herren und dermauritischen GrandsMounes, welche die Welt ihren Wünschen unterwarfen“. Für Ethel haben die Menschen, die sie im familiären „Salon“ kennengelernt hat, mit ihrem Dünkel, ih- ren Ressentiments und ihrer Realitätsverweigerung Mitschuld am Kriegsgrauen – wofür sie, suggeriert der Roman, letztlich „bestraft“ werden, denn der Krieg zerstört auch ihre Existenz. Es wäre nicht Le Clézio, könnte man diese Schilderung nicht auch als vage Parabel auf die Gegenwart, das Verhältnis von „reicher“ und „armer“ Welt lesen.

Die westliche Zivilisation hat allerdings auch ihre schönen Seiten – etwa ihre Lite-ratur. Zu dieser pflegt Le Clézio, zumindest stilistisch, keine Distanz. Und auch wenn er vor langer Zeit im experimentellen Fahrwasser des „Nouveau Roman“ schrieb, heute ist er, mit seiner schönen klaren Sprache, ganz „alter Europäer“. Sein 19. Roman liest sich etwas altmodisch, pathetisch und wohl nicht einmal für die Preisschmiede in Stockholm wie das Werk eines Nobelpreisträgers, es ist auch nicht aufwühlend wie Ravels „Boléro“; aber anrührend, ein bisschen wie ein in der Ferne verklingendes, nur noch ganz leise grollendes einsames Cello. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2009)

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