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„Die Hälfte der saudischen Gesellschaft ist gelähmt“

A woman drives a car in Saudi Arabia
Frauen ist im wahhabitischen Königreich Saudiarabien nicht einmal gestattet, Autos zu lenken.REUTERS
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Aziza al-Yussef brachte Anfang der Woche eine Petition für mehr Frauenrechte ein. Im Interview geißelt sie die absurden Vormundschaftsregeln im wahhabitischen Königreich.

Die Presse: Sie haben in Saudiarabien die Petition für mehr Frauenrechte mitorganisiert. Wem haben Sie das Bürgerbegehren übergeben?

Aziza al-Yussef: Wir haben versucht, die Petition am Montag persönlich am Königshof einzureichen – ohne Erfolg. Die offizielle Prozedur ist, dass solche Anliegen gesellschaftlicher Art per Mail geschickt werden müssen. Das werden wir diese Woche tun. Wir haben 14.700 Unterschriften gesammelt, darunter viele Männer – für Saudiarabien ist das eine erfreuliche Zahl. Wir haben eine öffentliche Debatte angestoßen, an der sehr viele Leute beteiligten.

Worum ging es in der Diskussion?

Für die Beziehungen zwischen Frauen und Männern gibt es im Islam zwei Konzepte – Qiwama und Wilayah. Qiwama heißt, der Mann ist finanziell verantwortlich für die Frau, damit haben wir kein Problem. Probleme haben wir mit dem Konzept von Wilayah, das dem Mann das Recht gibt, alles und jedes im Leben der Frau zu bestimmen. Für diese Unterscheidung haben wir in unserer Twitter-Kampagne das Bewusstsein geschärft, und dafür haben wir auch die Unterstützung prominenter Kleriker bekommen. Uns kommt es darauf an zu zeigen, dass die heutige Praxis in Saudiarabien nicht vom Islam gefordert, sondern eine Vorschrift der Regierung ist.

 

Wie weit verbreitet ist die Praxis der männlichen Vormundschaft?

Sie ist absolut üblich. Wenn eine Frau ein Stipendium bekommt, kann sie es gegen den Willen ihres männlichen Vormunds nicht annehmen. Gerade erst berichtete auf Twitter eine 52-jährige Frau, sie sei zum Amt gegangen, um einen Reisepass zu beantragen. Ihr wurde gesagt, ihr männlicher Vormund müsse mitkommen und seine Zustimmung geben. Der Vormund dieser Frau ist ihr 22-jähriger Sohn. Er muss Ja sagen, sonst bekommt seine Mutter keinen Reisepass. Das ist doch eine absurde Situation.

 

Wie groß sind die Aussichten auf Erfolg?

Wir warten auf Reformen. Angesichts der wirtschaftlichen Probleme in Saudiarabien sind diese Änderungen unausweichlich und müssen bald kommen. Man kann keine Entwicklung in einem Land organisieren, wenn die Hälfte der Gesellschaft gelähmt ist. Ohne die Beteiligung von Frauen wird Vizekronprinz Mohammed bin Salman die Ziele seiner Reformagenda Vision 2030 nicht erreichen können.

 

Sie haben schon viele Kämpfe für Frauenrechte in Saudiarabien ausgefochten – ohne großen Erfolg. Wird es diesmal anders sein?

Ich bin optimistisch. Wenn die männliche Vormundschaft abgeschafft wird, wäre das ein riesiger Schritt nach vorn. Ich bin überzeugt, dass wir schon bis Ende 2016 erste Schritte sehen werden. Die Regierung wird zunächst die krassen Fälle lösen von schwerem Machtmissbrauch. Es gibt Tausende solcher Schicksale. Zum Beispiel, wenn eine Frau die Scheidung einreicht, bleibt ihr Mann während des Scheidungsprozesses weiterhin ihr Vormund. Das kann sich über viele Monate ziehen. Ich kenne einen Fall, da hat eine junge Frau die Scheidung eingereicht und bekam danach ein Stipendium für die USA. Ihr Noch-Ehemann verweigerte die Zustimmung, sodass sie nicht fahren konnte.

 

Wie ist die Reaktion des Königshauses auf Ihre Petition?

Bisher gibt es keine. Vizekronprinz Mohammed bin Salman hat lediglich in einem Interview gesagt, dass den Frauen in Saudiarabien viele Rechte fehlen. Immerhin hat er das Problem zumindest anerkannt.

ZUR PERSON

Aziza al-Yussef (57) kämpft seit Jahren dafür, dass Frauen mehr Rechte bekommen und Auto fahren dürfen. Sie gehört zu den Organisatorinnen einer Petition, die fordert, das traditionelle System der männlichen Vormundschaft über Frauen abzuschaffen. Die frühere Professorin für Computerwissenschaften und Mutter von fünf Kindern ist heute Chefin eines mittelständischen Catering-Unternehmens in Riad. [ Eglau ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2016)