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„Kafka musste nicht weg, um fremd zu sein“

Wolkenstimmung
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Der Schriftsteller Norman Manea ist mit seinem jüngsten Buch „Wir sind alle im Exil“ zu Gast in Österreich. Der „Presse“ erzählte er vom Briefeschreiben, einer abgeschnittenen Zunge und seiner poetischen Ahnung vom Jenseits.

Die Presse: Ihre jüngste Essay-Sammlung hat den Titel: „Wir sind alle im Exil“. Was erwartet uns denn? Kennt man dort auch so etwas wie Glück oder Gleichgewicht?

Norman Manea: Exil ist nicht nur eine schockierende Erfahrung, sondern zudem eine pädagogische. Bertolt Brecht hat gesagt, dass Exil die Dialektik der Veränderung bedeute. Erst ist es eine Entwurzelung, doch dann erfährt man das Unbekannte anderer Orte, Zivilisationen, Menschen. Davon kann der Exilant viel lernen. Er verändert sich auch selbst. Mir passierte das, als ich bereits fünfzig war. Ich kam nach Deutschland und dann in die USA. Bei allen Turbulenzen ist die Fremde eine Chance. Man muss sein Leben ändern, seine Mentalität. Das kann manchmal sehr positive Effekte ergeben.

Ein Stück von daheim haben Sie aber behalten, seit Sie 1986 Rumänien verlassen haben – die rumänische Sprache. Hat es Sie nie gereizt, im Englischen ihrer Wahlheimat USA zu schreiben? Sie unterrichten doch auch auf Englisch.

Ich habe das überlegt, aber es funktioniert nicht. Als Dichter kann man es eigentlich nur, wenn man die Sprache vor dem zwölften Lebensjahr erlernt. Ich war fünfzig. Ich kann auf Englisch lesen und sogar scherzen, aber nichts komplex Literarisches schaffen. Man wächst mit seiner Sprache mit, benötigt all diese Phasen, um sich auszudrücken. Im Deutschen wäre mir das leichter gefallen, weil ich aus der Bukowina stamme, die einmal zu Österreich gehört hat. Ich konnte noch etwas von diesem österreichischen Deutsch.

Die Essays haben Sie vom Wendejahr 1989 bis 2015 geschrieben. Was hat sich in dieser Zeit entwickelt? Viel Optimismus kann man aus den Texten nicht herauslesen.

Ich bin kein Optimist. Das ist ein großer Vorteil. Pessimisten können sich zumindest positiv überraschen lassen. Persönlich war für mich die größte Überraschung, dass ich, obwohl ich kein einfacher Autor bin, in einem anderen Land mit einer fremden Sprache einen Platz gefunden habe, an dem ich erfolgreich war. Meine Werke wurden in recht viele Sprachen übersetzt. Als ich 1986 Rumänien verlassen habe, hat man mir einen Pass gegeben. Aber ich verspürte zugleich das Gefühl, dass man mir die Zunge abgeschnitten hatte. Zuvor durfte ich nicht sagen, was ich dachte, weil das KP-Regime es verbot, dann gab es die Freiheit, aber ich hatte nicht die Sprache, das im Exil auszudrücken. Das war am Anfang frustrierend. Ich fühlte mich völlig verlassen, verloren, war ein unbekannter rumänischer Autor. Ich war nicht schön genug für Hollywood, was also sollte ich tun?

Die Wahrscheinlichkeit, Depressionen zu bekommen oder sich gar umzubringen, ist in solch einer Situation recht groß.

Richtig. Exil bedeutet oft das Ende, aber an manchen glücklichen Orten ist es eben ein Beginn. Ich werde nie ein Amerikaner sein, aber ich habe dort eine Chance bekommen. Und ich bin nicht allein. Heute ist das Exil doch weit verbreitet, die Menschen wechseln häufig ihre Länder, es ist ein ständiger Fluss. Der Dichter Ovid war in seiner Verbannung am Schwarzen Meer übel dran. Heute hätte er viel mehr Möglichkeiten, in Kontakt mit aller Welt zu bleiben. Allein schon durch ein Mobiltelefon.

Sie erzählen in einem der frühen Texte des Buchs von einem Postboten. Wie wichtig waren Briefe für Sie, als Sie aus Rumänien nach Westberlin kamen?

Ich begann Hunderte Briefe an Freunde in aller Welt zu schreiben, weil ich das Bedürfnis hatte, mein Leben zu rekonstruieren. Bereits in Rumänien fühlte ich mich als Weltbürger. Das bekam eine neue Dimension.

Was bedeutet Ihnen der Begriff Heimat? Sie wirken am Bard College und kommen aus der Bukowina. Gibt es Ähnlichkeiten?

Ich habe dort tatsächlich das Gefühl, ich sei in der Bukowina. Der englisch-rumänische Autor Edward Kanterian hat einen Essay mit dem Titel „Bukowina am Hudson“ verfasst. Wir haben über diese Ähnlichkeit gesprochen, ich habe sie ihm bestätigt. Man fragt mich oft, warum ich denn nicht in meine Heimat zurückkehre. Es wäre eine andere Heimat, ich bin ein anderer Mann geworden. Das wäre eine ganz neue Erfahrung, die wohl ähnlich jener des Exils wäre.

Welcher Exilant, über den Sie geschrieben haben, hat Sie am meisten beeindruckt? Wer hatte die tragischste Geschichte?

Die tragischste ist wohl jene von Franz Kafka, obwohl er nie im Exil war, nur im selbst gewählten Exil in seiner Wohnung in Prag. Kafka musste nicht weg, um fremd zu sein, um sich als Fremder zu fühlen. Selbst die deutsche Sprache nahm er an, als wäre er ein Dieb. Er sendet uns diese unheimliche Botschaft. Wir wissen nur, dass wir geboren wurden und sterben werden. Zwischen diesen Grenzen gibt es die tägliche Unsicherheit. Kafka ist ein einsamer Prophet.

Ein außergewöhnlicher Mensch. Mit wem aber würden Sie gern spazieren gehen?

Mit guten Freunden von einst in Rumänien. Die meisten von ihnen sind gestorben oder verloren gegangen. Auch im Exil habe ich einen guten Freund gehabt, den Schriftsteller Antonio Tabucchi. Wir haben uns miteinander sehr gut unterhalten. Manchmal stelle ich mir vor, und darüber möchte ich vielleicht ein Buch schreiben, was geschehen wird, wenn ich gestorben bin. Wem begegne ich wieder? Meinen Eltern? Meiner Cousine? Meiner alten Geliebten? Oder treffe ich auf der anderen Seite Leute wieder, die schrecklich zu mir waren? Ich vermute zwar, es ist dort gar nichts, aber ich habe die Freiheit, mir vorzustellen, dass sich dort in der Zukunft das Leben auf andere Weise wiederholt, dass man all die Leute wieder trifft, die man geliebt und gehasst hat.

AUTOR UND PROGRAMM

Norman Manea, 1936 in der Bukowina geboren, 1941 mit seiner Familie in ein KZ in der Ukraine deportiert, war bis zur Emigration 1986 Autor in Bukarest. Er ist Professor für Europäische Kulturstudien am Bard College in New York State. Jüngste Publikation: „Wir sind alle im Exil“ (Hanser 2015).

Das Rumänische Kulturinstitut hat Manea derzeit in Wien zu Gast. Am Freitag gibt es mit dem Autor ein Gespräch im Rahmen eines Films über ihn: „Le beau danger“ (Filmhauskino am Spittelberg). Am 4. 10. kommt er in das Literaturhaus Salzburg,

am 6. 10. in die Stadtbibliothek Linz (jeweils 19h).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2016)