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„War Dogs“: Der Kiffer und sein Mephisto

War Dogs
(c) Courtesy of Warner Bros. Picture
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Junge US-Machos streben mit Chuzpe nach oben: Martin Scorsese ist der Meister des Sujets, „War Dogs“ über zwei Mittelschicht-Kids als Waffenhändler ahmt ihn nach: blutleer.

Martin Scorseses kultige Mafiasaga „Goodfellas“ ist nicht nur ein toller Film, er fungiert auch als formale Schablone für zahllose Kinogeschichten über die amoralischen Überholspuren des amerikanischen Traums: Ein Ich-Erzähler führt den Zuschauer als zynischer Kommentator durch die atemlose, musikalisch motorisierte Achterbahnmontage seiner Eskapaden – vom rasanten Aufstieg über den ekstatischen Höhenrausch bis hin zum unvermeidlichen Fall.

Prinzipiell ist dieser mitreißende, zwischen Faszination und Abscheu oszillierende Stil für jede Art von filmischem Entwicklungsroman geeignet. Am besten funktioniert er aber wenig überraschend, wenn es darin um die Machtgier von Machos geht. In seiner letzten Spielfilmarbeit „The Wolf of Wall Street“ hat Scorsese ihn auf die testosteronschwangere Börsenmaklerwelt angewandt – und damit bewiesen, dass er immer noch der unangefochtene Meister seiner eigenen Methode ist.

Das merkt man vor allem angesichts blutleerer Nachahmungen – und „War Dogs“ von Todd Phillips ist dafür ein Musterbeispiel. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, die in ihrem Irrwitz zugegebenermaßen nach einer Verfilmung schreit: Die beiden Mittelschichts-Kids David Packouz und Efraim Diveroli mauserten sich 2007 mit ihrer Firma AEY Inc. im College-Alter in die Oberliga des internationalen Waffenhandels, dank der öffentlichen Ausschreibung von Rüstungsaufträgen durch die US-Regierung und jeder Menge Chuzpe.

Phillips stellt die Freundschaft der zwei in den Mittelpunkt und macht aus ihnen ein Gegensatzpaar, dessen Charakterdynamik den dramaturgischen Verlauf vorzeichnet. Miles Teller („Whiplash“) spielt Packouz – der den Filmemachern beratend zur Seite stand und einen kleinen Gastauftritt hat – als friedfertiger Kiffer-Typ, der Geld braucht, weil seine duldsame Freundin (Ana de Armas) ein Kind erwartet. Jonah Hill gibt indes eine Variation seiner Rolle in Scorseses „Wolf“: Sein Diveroli ist ein aufgedrehter Schwerenöter ohne Skrupel oder Selbstbeherrschung, in dessen Büro „Scarface“-Poster hängen.

 

Nicht „Pro-War“, nur „Pro-Money“

Die Erzählstimme gehört Packouz, und schon daraus erschließt sich, dass „War Dogs“ mehr Moralstück ist, als es Scorseses Filme je waren. Diveroli erscheint als böser Verführer, der seinen alten Schulfreund auf die dunkle Seite zieht. Als er Packouz anbietet, bei AEY einzusteigen, und sich dieser als Irakkriegsgegner outet, pflichtet er ihm bei: Er sei nicht „Pro-War“, bloß „Pro-Money“. Natürlich ist Diveroli trotzdem die interessantere Figur – ein Opportunist, der seine Unsicherheiten mit großen Gesten kaschiert: Einmal packt er mitten in Miami eine MP aus dem Kofferraum und feuert ein paar Salven ab, um zu zeigen, was Sache ist. Hill stiehlt Teller allein schon mit seinem vulgären Lacher die Show. Doch der Film bleibt trotzdem leblos, er lässt ständig den Motor aufheulen, startet aber nie richtig durch.

Das liegt vor allem an der Formelhaftigkeit der Inszenierung: Plötzliche Standbilder, Montagesequenzen, Zwischentitel und andere Stilschnörkel können nicht verhüllen, dass den meisten Szenen die Dringlichkeit fehlt. Als die Hauptfiguren eine Ladung Berettas im Lastwagen nach Bagdad schmuggeln – eine Erfindung des Films –, soll das anmuten wie ein ausgeflipptes Abenteuer im Geiste von Phillips' „Hangover“-Komödien: Zwei Durchschnittstypen auf aberwitzigen Abwegen in gefährlicher Gegend. Aber der kurze Trip samt lahmer Verfolgungsjagd, die sich im Wüstensand verläuft, wirkt eher wie ein gemütlicher Sonntagsausflug.

Der verschwenderische Jukebox-Soundtrack – noch so ein Scorsese-Markenzeichen – macht es auch nicht besser. Unterentwickelt bleiben auch die sozialkritischen Ansätze des Films, der zu sehr mit dem vorhersehbaren Beziehungszerfall seiner Protagonisten beschäftigt ist.

Nur wenn Bradley Cooper auftaucht, bekommt „War Dogs“ Gewicht. Seine Darstellung eines zwielichtigen Waffenhändlers ist wie eine unheimliche Grußbotschaft aus den dunklen Ecken des Kriegsgeschäfts.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2016)