Wo ist Österreichs Angela Merkel?

Das deutsche politische Personal wirkt dieser Tage besser als unsere Laurel-&-Hardy-Truppe. Das war nicht immer so. Doch auch Schüssel, der ganz Große, will an seiner Angela Merkel gescheitert sein.

Er zierte deutsche Magazine. Er brillierte in TV-Talkshows. Er posierte mit einem Hinkelstein. Aus Stoff. Es war auch schon so ein harter Tag.

Wolfgang Schüssel war vor wenigen Jahren ein gefragter Mann beim nördlichen Nachbarn. Was er nicht selbst abdecken konnte, füllte Karl-Heinz Grasser mit seiner Frau und deren Glamour in der „Bild“-Zeitung aus. Heute ist das Interesse an Werner Faymann und Josef Pröll in deutschen Medien überschaubar. Die „Süddeutsche“ verglich den Kanzlercharme mit jenem eines Autoverkäufers, den Finanzminister kann man bei all den Onkeln in Österreich leicht verwechseln.

Hier ist angesichts dieser Laurel-&-Hardy-Koalition aus Verwaltern und Moderatoren hingegen eine Sehnsucht nach deutschen Verhältnissen ausgebrochen: Wieso haben wir keine besonnene und – ja! – seriöse Angela Merkel, die keinen Populismus fürchtet, sondern klar sagt, was sie will? Die liebe kleine schwarz-gelbe Tiger-Enten-Koalition nämlich.

Gibt es nur bei uns kein geeignetes politisches weibliches Personal? Besteht die ÖVP nur aus Männerbünden, die eine solche Frau mit Zug zur Macht nie so weit kommen lassen würden? Vermutlich beides ein bisschen. Laut der unterhaltsamen Schüssel-Hagiografie hätte der damalige ÖVP-Herkules die schwarz-blaue Wende mit einer Kanzlerin Maria Schaumayer oder Waltraud Klasnic durchziehen wollen. Die Ex-Nationalbank-Präsidentin sagte jedoch ebenso ab wie die später gestrauchelte steirische Landeschefin. Beide lehnten ab, für die Führung einer Regierung mit Jörg Haiders FPÖ brauchte man tatsächlich eine dicke Haut und einen guten Magen. Wie Schüssel, der ganz Große, eben.

Womit wir beim nächsten Manko wären: Wieso haben wir keine FDP, die ein klares liberales wirtschaftspolitisches Modell will? In der FPÖ ist der (Wirtschafts-)Liberalismus in Spurenelementen messbar, das BZÖ ist eigentlich keine politische Partei, sondern ein Kulturverein. Nach der spezifischen Kärntner Definition von Kultur. Wenn der Wirt, der den Verein führt, Anleihen bei Guido Westerwelle nehmen will, ist dies putzig und infam zugleich. Natürlich könnte man an dieser Stelle die alte Klage anstimmen, dass das Land zu konservativ und obrigkeitshörig für echte Liberale sei. Die einen interpretieren es deutsch-national wie Ewald Stadler, die anderen kuschelweich wie Heide Schmidt – übrigens eine Politikerin mit persönlichem Format, nur ohne politischen Plan.

In der linksliberalen Wiener Blase, der zum Platzen die kritische Masse fehlt, meinen manche, dass Österreich eine „Linke“ mit einem Alpen-Lafontaine brauche. Denn dann, so die Sandkastenstrategie im romantischen Rosa-Luxemburg-Licht, würden nicht mehr so viele Proteststimmen an Heinz-Christian Strache gehen. Schön, warum geben wir den Wählern nicht gleich Geld, damit sie nicht Strache wählen? Warum manipulieren wir nicht einfach das Ergebnis? Ist doch für einen guten Zweck! Nein, in diesem einen Fall erfreuen wir uns an einem kleinen politischen Standortvorteil, dass uns zumindest das erspart bleibt. Dafür schätzt Deutschland sicher die Nichtexistenz beziehungsweise den fehlenden Erfolg eines Herrn Strache dort.

Geht uns wer ab? Die Grünen haben dort Ecken und Kanten, haben in der Regierungsverantwortung schon bewiesen, dass sie ihr Parteiprogramm zumindest kennen. Eva Glawischnig arbeitet noch daran. Laut einer Umfrage meinen 45 Prozent der Österreicher, dass Glawischnig ihre Sache schlechter als Alexander Van der Bellen mache. Bemerkenswert: 15 Prozent meinen, sie sei besser. Angesichts der Berichterstattung nicht so wenig.

Dann wäre da noch der deutsche CSU-Senkrechtstarter Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der mit seinen TV-Auftritten Glanz und Eigenverantwortung in deutsche Wohnzimmer bringt. KTG eben.

Österreichs Benita Ferrero-Waldner unterlag am Samstag Ägyptens Kulturminister, einen militanten Antisemiten, im Match um die Unesco-Spitze. Die Ex-Außenministerin hat noch Chancen, EU-Kommissarin zu werden. Falls es Willi Molterer nicht schafft. Also nur, wenn zwecks Optik eine Frau gebraucht wird.

rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2009)

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