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Internetsicherheit: Kampf um Netzsperren

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Deutschland versucht, in die Inhalte im Internet einzugreifen. Es wird kritisiert, dass die Netzsperren unwirksam seien – und dass zudem die Tür für staatlichen Eingriff in die Inhalte des Internet geöffnet werde.

In Deutschland gingen in den letzten Wochen die Wogen hoch – und zwar wegen eines Themas, das gewöhnlich die Massen nicht bewegt: die Internetpolitik. Nachdem die Regierung im Kampf gegen Kinderpornografie sogenannte Netzsperren beschlossen hatte, kam es zu riesigen Protestkampagnen in der virtuellen und zu Demonstrationen in der realen Welt. Kritisiert wird, dass die Netzsperren unwirksam seien – und dass zudem die Tür für staatlichen Eingriff in die Inhalte des Internet geöffnet werde.

„Das ist bei Weitem nicht die beste Lösung“, kommentiert Markus Klemen, Geschäftsführer des Kind-Kompetenzzentrums Secure Business Austria (SBA). Das Prinzip der Netzsperren: Verdächtige Internetseiten werden auf eine Sperrliste gesetzt. Die Betreiber sogenannter DNS-Server („Domain Name Service“) müssen diese Domänen sperren und zu einer anderen IP-Adresse umleiten: Der User sieht ein Stoppschild mit dem Hinweis, dass es sich um illegale Inhalte handle.

„Es gibt unglaublich viele Umgehungsmöglichkeiten“, sagt Klemen. Dieeinfachste: Man tippt einfach direkt die IP-Adresse ein – und schon hat man die eigentlich gesperrten Inhalte auf dem Computer. Oder man geht über einen ausländischen DNS-Server, denn dort wirken die deutschen Sperrlisten nicht. Problematisch sei weiters, dass auch andere Inhalte, die sich auf einem gesperrten Webserver befinden, mit gesperrt werden. Und das, ohne dass irgendjemand etwas dagegen unternehmen kann – denn die Sperrliste ist geheim.

„Das Grundübel ist, dass man den Zugang erschweren will, anstatt die Quellen zum Versiegen zu bringen.“ Nachsatz: „Das würde man in der realen Welt niemals machen.“ Viel sinnvoller wäre es, das Meldewesen deutlich auszubauen und jenen Menschen das Handwerk zu legen, die illegale Inhalte ins Netz stellen. Netzsperren brächten sogar den gegenteiligen Effekt: Die Zahl der dauerhaft aus dem Internet entfernten Seiten – die also von den Servern wirklich gelöscht wurden – geht zurück, berichtet Klemen.

Viel stärker erbost sind die Kritiker aber noch deshalb, weil der Staat damit in die Inhalte eingreifen würde. So erwarten sich Sicherheitskräfte, dass man auch Terrorseiten sperren könnte, manche Politiker wollen illegale Wettanbieter derart bekämpfen – und Musikverlage jubeln, dass man damit auch gegen illegale Musikdownloads vorgehen könnte. Klemen: „Das wäre ein Katastrophe für das Internet. Denn wo ist die Grenze?“ Details am Rande: Der Iran gratulierte Deutschland zu dem Beschluss.

SBA beschäftigt sich seit drei Jahren mit Sicherheitsproblemen im Internet und allgemein in IT-Systemen. Durch ständige Verbesserung von Protokollen und Programmen wird die Sicherheit sukzessive besser. Doch gegen das größte Problem kann die Technik nur wenig ausrichten: „Das größte Problem sitzt zwischen Sessel und Tastatur: der Mensch“. Zwar hätten z.B. die meisten User mittlerweile gelernt, auf Phishing-Mails nicht hereinzufallen. „Im Moment ist das bei Banken kein Problem“, so Klemen. Aber Tests, die SBA im Auftrag von Firmen durchführt, sprechen eine klare Sprache, wie sorglos mit vertraulichen Daten umgegangen wird. Bei einem fingierten internen Wettbewerb in einem Unternehmen gab rund ein Viertel der Mitarbeiter ihre User-Namen binnen einer Viertelstunde bekannt. fotolia/Yong Hian Lim

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2009)