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Zivilcourage: Wie mutig sollen wir sein?

Clark Kent
(c) AP
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Der Vorfall in der Münchner S-Bahn hat eine brisante Debatte in Gang gesetzt. Experten fürchten, dass nun die Bereitschaft zur Zivilcourage sinkt. Dabei fehlt schon jetzt die "Kultur des aufrechten Gangs".

Er hat nicht geschäftig in der Zeitung geblättert und auch nicht plötzlich angestrengt aus dem Zugfenster gestarrt. Stattdessen hat Dominik B. hingesehen, als Samstagnachmittag vor einer Woche ein 17- und ein 18-Jähriger in der Münchner S-Bahn vier jüngere Teenager belästigten und erpressten. Per Handy verständigte der 51-Jährige die Polizei, dann stieg er mit den Opfern aus. Ein vorbildliches Verhalten, befanden Journalisten und Politiker später und verleihen B. nun einen Orden. Posthum. Denn noch am Bahnsteig schlugen die Angreifer zu. Und obwohl seine Schützlinge sich an andere Passanten wandten, half dem Helfer keiner. Mit 22 Verletzungen brach er tot zusammen. Tags darauf zählte die „Süddeutsche“ zwei Leichen: B. und den „bürgerlichen Mut“.

Wieder einmal. Denn die Zivilcourage geht öfter zu Boden. In Wien letztens im Dezember 2008. Da verteidigte Mittelschullehrer Till Ipser Schüler gegen eine Jugendbande. Er wurde dabei am Kopf verletzt, aber das Schlimme, sagt er, waren die Gedanken danach. Als er realisierte, dass die Passanten ihm nicht geholfen hatten. Als einige beim Schulterklopfen sagten: „Sei bloß froh, dass du keinen verletzt hast.“ Als er merkte, dass er ängstlicher geworden ist: „Ich kann mir jetzt ein wenig vorstellen, wie man sich nach einer Vergewaltigung fühlt“, sagt er. Und obwohl er es – wenn auch vorsichtiger – „wahrscheinlich wieder tun würde“, fragt er sich öfter, „ob man immer der Dumme ist, wenn man hilft“.

Eine berechtigte Frage und eine brisante. Denn Experten bringt das Münchner Drama zum Grübeln: „Man muss befürchten, dass derart tragische Vorfälle die Bereitschaft zur Zivilcourage massiv reduzieren“, meint Veronika Brandstätter vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. „Viele werden sagen: Es ist einfach zu gefährlich.“ Brandstätter, die eine internationale Studie über Zivilcourage vorbereitet, versteht die Angst. Aber noch mehr fürchtet sie ihre Folgen: Man dürfe über diesem Extremfall nicht vergessen, dass es im Alltag viele Situationen gebe, wo man mit guten Strategien und geringem Risiko helfen könne.

Beziehungsweise helfen sollte: Denn in der Praxis sei Wegschauen noch immer die Regel, sagt Harald Geyer, zuständig für Opferschutz beim Landeskriminalamt Wien. Und übergroße Angst macht die Lage für keinen besser, denn: Wenn ich nicht helfe, wer hilft dann mir?

Vom Staat zu privat. Dabei steckt das Dilemma in der Definition. „Persönliche Tugenden sind Eigenschaften, die jede rationale Person gerne selbst besäße. Moralische Tugenden sind Eigenschaften, von denen jeder wollen würde, dass alle sie besäßen“, schreibt der Philosoph Bernhard Gert. Mut ist demnach Ersteres, Zivilcourage Zweiteres, weil sie nicht primär eigenen Interessen und auch nicht nur jenen einer konkreten Person dient, sondern stets allen, sprich humanen und demokratischen Prinzipien. Wobei die alte Bedeutung des „Bürgermuts“ – Durchsetzung von Freiheitsrechten und demokratischer Selbstbestimmung („civil rights“) – nur mehr beim zivilen Ungehorsam (Zivilcourage gegenüber dem Staat) durchschimmert. Inzwischen ist Zivilcourage vielmehr ein Allzweck-Lob geworden, für gute Dinge, die in der Öffentlichkeit passieren.

Denn Öffentlichkeit ist ein wichtiges Requisit, der Bürgermut steht immer auf der Bühne. Aber genau das ist es auch, was ihn – nebst Angst vor Behörden-Scherereien – so schwierig macht. Denn viele gemeinsam sind oft weniger mutig als einer allein. Klingt paradox, heißt aber „Zuschauer-Effekt“: Je mehr Leute eine Notsituation beobachten, desto weniger wird geholfen. Denn was macht man, wenn in der U-Bahn einer rassistisch beschimpft wird? Erstens schaut man, was der Rest macht (Antwort: abwartend schauen) und schließt daraus: nicht so schlimm, das Ganze. Zweitens bewirkt Masse eine Diffusion der Verantwortung: Irgendwer ist immer stärker, erfahrener, besser geeignet zu helfen als man selbst. Das ist banal, aber wahr, und tatsächlich eine der wenigen, gut bewiesenen Erkenntnisse zu dem Thema.


Dann lieber iPod.Denn Zivilcourage, die erst seit zehn Jahren systematisch erforscht wird, lässt sich flächendeckend schwer untersuchen. Wie will man (außer im Experiment) messen, wie sich jemand in Notsituationen wirklich verhält? Wenn es doch Befragte selbst vorher nicht wissen. Was Meinungsforschungsinstitute wie Imas (zuletzt 2007) abfragen, sind nur Handlungsabsichten. Trotzdem interessant: Anhänger der Oppositionsparteien geben sich laut Imas couragierter, und mit der Bildung steigt der Bürgermut – auch wenn er stark vom Anlass abhängt. 85 Prozent finden, dass man einer sexuell belästigten Frau helfen sollte; 69 Prozent denken, sie würden das auch tun. Hingegen würden nur 33 Prozent auf einer Versammlung ihren Standpunkt gegen die Mehrheit vertreten (53 Prozent sagen zumindest: Man sollte).

Ob das mehr oder weniger geworden ist, lässt sich zwar mangels Vergleichsdaten nicht feststellen, aber die Experten sind sich ohnedies einig: Das Ausmaß an Zivilcourage hat sich in den vergangenen Dekaden nicht verändert. Das legt auch die über 20 Jahre stabile Statistik der Verurteilungen nach § 95 StGB (Unterlassung der Hilfeleistung) nahe. Zwar habe sich, sagt Politikwissenschaftler und Zivilcourage-Experte Gerd Meyer, bei der fürs Einmischen wichtigen Frage „Was ist privat?“ die Grenze zugunsten der Öffentlichkeit verschoben: Gewalt in der Ehe, Gewalt gegen die eigenen Kinder sind heute nicht mehr „Privatsache“. Dafür sind die Menschen ständig sehr „busy“, wie Meyer sagt, und weniger achtsam. Vor allem in Großstädten wirkt der „Overload“-Effekt: Wer von Reizen und vielen Notsituationen überfordert wird, greift seltener ein. Denn man kann nicht allen helfen. Lieber iPod einstöpseln. Und aus.

Als Vorwurf gegen die Jugend darf man das jedoch nicht deuten (andere spielen halt mit dem Blackberry), im Gegenteil: Als zuletzt die Wiener Studentinnen Maria Sofaly und Romy Grashuber als Protest gegen den ausländerfeindlichen EU-Wahlkampf via Internetplattform Facebook eine Lichterkette organisierten – auch das ist laut Brandstätter Zivilcourage –, bewiesen sie, dass die Jungen etwas gut können, was für Zivilcourage sehr wichtig ist: Öffentlichkeit schaffen, mobilisieren. Zumindest mal virtuell.

Aber eventuell taugt dies auch als realer Baustein für eine „Kultur der Anerkennung von Zivilcourage“, die sich Meyer wünscht. Denn posthume Orden hin oder her: In Wahrheit hat Zivilcourage keinen hohen Stellenwert. Es beginnt bei den Kindern, die den Eltern nicht widersprechen sollen, geht weiter in der Schule, wo „Petzen“ – egal warum – das Schlimmste ist, und führt in die U-Bahn, wo man die Freundin am Ärmel zupft: „Misch dich nicht schon wieder ein. Du bist peinlich.“ Besonders deutlich zeigt sich die Ablehnung bei „Whistleblowern“, Menschen, die Missstände (Korruption etc.) in ihrer Firma aufdecken. Denn auch wenn dies bloß intern passiert, die Motive lauter sind und die Information der Firma nützt, gelten Hinweisgeber als Nestbeschmutzer. Viele verlieren ihren Job, sagt Norbert Copray von der deutschen Fairness-Stiftung, die Vorgesetzte in Sachen faires Management berät – und bekommen keinen neuen mehr. Denn sie sind „lästig“. Genauso wie Menschen, die im Alltag gegen kleine Regelverletzungen angehen: Wer wie die Pensionistin Susanne K. Leute auffordert, in der U-Bahn nicht überlaut zu telefonieren oder die verzweifelt dreinblickende junge Frau doch in Ruhe zu lassen, wird mit Kopfschütteln bedacht. Dabei ist die stumme Masse froh, dass sich einer, ein anderer, kümmert.

Erste Hilfe für die Hilfe. Eine Kultur der Zivilcourage zu schaffen ist das eine, konkrete Anleitungen sind das andere. Seit den 1990er-Jahren, als der Rechtsextremismus traurige Konjunktur erlebte, gibt es in Deutschland viele Kurse, wo richtiges Verhalten gelehrt wird. Denn mitunter scheitert Zivilcourage aus denselben Gründen wie Erste Hilfe: kein Verhaltensrepertoire, keine Routine. In Österreich ist das Kursangebot allerdings dünn, die Polizei hat laut Geyer keine Personalressourcen, an Schulen läuft Zivilcourage unter dem Titel „soziales Lernen“ mit. Unter den schnellen Tipps (s. Infobox), was man machen soll, ist deshalb vielleicht der wichtigste: sich überhaupt einmal mit dem Thema zu befassen. Danach kann man mit etwas Simplem starten. Wie einfach von der Zeitung hochschauen. Zum Beispiel jetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2009)