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Die Staatsoper – ein Symbol braucht wieder Hilfe

Barbara Neubauer, Präsidentin des Bundesdenkmalamts, auf der original erhaltenen, aber gefährdeten Loggia der Wiener Staatsoper.
Barbara Neubauer, Präsidentin des Bundesdenkmalamts, auf der original erhaltenen, aber gefährdeten Loggia der Wiener Staatsoper.(c) Stanislav Jenis
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Nach dem Zweiten Weltkrieg sammelte man Schmuck, um die zerstörte Wiener Staatsoper neu zu vergolden. Jetzt hat sie wieder eine Sanierung nötig.

Begonnen im Jahre 1861. Vollendet im Jahre 1868“, steht in goldenen Lettern auf einer Tafel. Daneben haben Äpfel und Blätter weiße Löcher, ein Stück höher fällt das Gold von den Zierleisten. Noch muss man genau hinschauen, um die Schäden zu sehen, aber: Die Loggia der Staatsoper ist in Auflösung begriffen. Man wisse nicht, sagt Barbara Neubauer, wie viel der prunkvollen Verzierung gerade noch hält.

Neubauer ist Präsidentin des Bundesdenkmalamts und wurde von Staatsopernopern-Direktor Dominique Meyer auf den Plan gerufen, der sich um den Zustand seines Hauses sorgt. Konkret um die Loggia über dem Ring, das dahinterliegende Schwind-Foyer und das Stiegenhaus – sie sind die einzigen künstlerisch wertvollen Bereiche, die vom ursprünglichen Bau erhalten geblieben sind. Oder zumindest einigermaßen. Völlig schadlos dürften sie nicht geblieben sein, als rundum die Bomben fielen, glaubt Neubauer.

Es war der schwerste Bombenangriff, der gegen Wien geflogen wurde, geplantes Ziel war die Ölraffinerie in Floridsdorf. 747 Bomber, begleitet von 229 Jagdflugzeugen, bombardierten am 12. März 1945 eineinhalb Stunden lang die Stadt. Das Burgtheater brannte, die Albertina wurde getroffen, im Luftschutzkeller des Philipphofs auf dem heutigen Helmut-Zilk-Platz starben Hunderte Menschen. Auch die Staatsoper stand einen Tag und eine Nacht lang in Flammen.

Ihre Zerstörung traf nicht nur Musikfreunde tief. Nur so ist es zu erklären, dass nur wenige Tage nach Kriegsende der Wiederaufbau versprochen wurde. Ob als Rekonstruktion oder Neubau wurde eine Weile diskutiert, die Entscheidung fiel schließlich zugunsten der alten Form mit modernisiertem Innenleben am ursprünglichen Standort. Noch 1946, in Zeiten größter Not, wurde damit begonnen, die Ruine freizulegen. 1947, Loggia und Schwind-Foyer zu restaurieren. „Das größte Problem war, Gold für die Vergoldung aufzutreiben“, sagt Neubauer. In Zeitungen wurde dazu aufgerufen, der Oper Gold zu verkaufen; sogar die Idee, für den Eintritt statt Geld ein halbes Gramm Altgold zu verlangen, kam auf.


Identifikationsobjekt. Zur Wiedereröffnung am 5. November 1955 stellten sich die Wiener tage- und nächtelang um Karten an, Direktor Karl Böhm verteilte mit Sängern heiße Würstel an die Wartenden. Am Abend selbst übertrug das junge Fernsehen live, vor den Apparaten in den Auslagen der Elektrogeschäfte sammelten sich die Menschentrauben. „Die Staatsoper“, sagt Neubauer, „war ein Identifikationsobjekt.“

Es ist also nicht irgendein Haus, an dem nun die Fassade bröckelt. Auch wenn Gästen, die abends in der Pause im Schwind-Foyer ein Glas Sekt bestellen oder auf der Loggia eine Zigarette rauchen, vermutlich noch gar nicht auffällt, dass hier etwas nicht stimmt. 1974 wurde noch einmal restauriert; Berichte von damals erwähnen schwere Verschmutzung durch Hausbrand. In den Achtzigern wurde die Fassade gereinigt, dabei wurde das Mauerwerk feucht.

Ohnehin sind die Malereien in der Loggia, mit der man die Oper nach außen hin öffnen wollte, nicht besonders stabil. Es handelt sich um Secco, nicht Fresco – gemalt wurde nicht auf nassem, sondern auf trockenem Putz. „Das ist sehr, sehr empfindlich“, sagt Neubauer, „und wenn es einmal verloren ist, ist es weg.“ Nur bei Fresken blieben immer noch ein paar farbige Schichten zu sehen.

Dazu komme das Problem, dass man nicht wisse, wie groß die Schäden im Weltkrieg wirklich waren, so Neubauer. Man müsse erst einmal erforschen, was in den Vierzigern geschah, was damals noch vorhanden war, was Rekonstruktion ist und was Original – und warum die Farbe nun blättert. „Das sind Fragen, die geklärt werden müssen.“ Bis zum ersten Halbjahr 2017 soll feststehen, was getan werden müsste – und welche Kosten das bedeutet. Grob rechnet die Oper mit gut einer Million Euro. „Je länger man wartet, desto teurer wird es.“ Das, sagt Neubauer, sei fix.

Knapp 150 Jahre nach dem Entstehen des Hauses und angesichts seiner „stressigen Lebensgeschichte“ sei es jedenfalls Zeit, sich mit modernem Know-how der Frage zu widmen. Das 150-Jahr-Jubiläum im Jahr 2019 ist es auch, das Meyer im Hinterkopf hat. Wie schon in den Vierzigern wird nun wieder Geld gesammelt, diese Woche lud man mit Denkmalamt und den Denkmalfreunden zu einem Fundraising-Dinner samt Cocktail im renovierungsbedürftigen Schwind-Foyer.

Dessen Gestaltung sicherte sich Moritz von Schwind einst. Seine Bilder stellen einstmals bekannte, heute zum Teil kaum mehr gespielte Werke des Opernrepertoires dar. Gesäumt ist der Saal von 14 Büsten von Komponisten. Mozart neben Gluck und Schubert, aber auch Spohr und Spontini, Marschner, Boieldieu und Cherubini. Draußen auf der Loggia hat der Freund von Schubert und Grillparzer Szenen aus der Zauberflöte gemalt.

Nur drei Jahre nach seinem Tod 1871 wurde nach ihm die Schwindgasse hinter der Karlskirche benannt. Die „schönste historisierende Gasse Wiens“, sagt Neubauer – und just jene Gasse, in der sie heute wohnt. Eines, sagt sie, dürfe man angesichts des Weltrufs der Wiener Staatsoper nämlich nicht vergessen: Auch das Gebäude dieser Institution sei „nicht nur österreichweit von architektonischer und künstlerischer Bedeutung. Das geht immer ein bisschen unter.“

Geschichte

1869 wurde die nach Plänen von August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll erbaute Staatsoper eröffnet. Nachdem das Ringstraßenniveau nach Baubeginn um einen Meter gehoben wurde, wurde das Haus u. a. als „versunkene Kiste“ verunglimpft. Van der Nüll beging Suizid.

Am 12. März 1945 geriet das Haus nach Bombardements durch die Amerikaner in Brand. Mit der Renovierung wurde Erich Boltenstern beauftragt.

Am 5. November 1955 wurde die Staatsoper mit „Fidelio“ wiedereröffnet.

Im Sommer 2017 sollen Loggia und Schwind-Foyer saniert werden, das Vestibül 2018. Vor dem 150-Jahr-Jubiläum 2019 sollen die Arbeiten fertig sein. Die Oper hofft auf Unterstützung durch den Bund, bittet aber auch um Spenden: Treuhandkonto Bundesdenkmalamt, IBAN: AT12 2011 1310 0515 1825, BIC: GIBAATWW, Verwendungszweck: Staatsoper. Die Spenden sind steuerlich absetzbar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2016)