Doku-Soap: Hobbykoch und Soccer Mom

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Die Abruzzis aus Washington haben Zuwachs bekommen: Nichte Sarah, der britische Nachwuchscoach Simon und Kater Pete bringen Abwechslung ins Leben der fünfköpfigen Familie.

Freitagabend ist bei den Abruzzis in West Falls Church, einem Vorort Washingtons, Rollentausch angesagt. John steht in der Küche und bereitet das Abendessen zu. „Heute gibt's ein typisch amerikanisches Dinner“, sagt der Hobbykoch ironisch: Lamm, Rind, gebratene Zwiebeln, Zucchini, Tsatsiki und Pitabrot. Ein Hauch von levantinischer Küche weht durchs Esszimmer. Auf bewusste Ernährung wird im Hause Abruzzi viel Wert gelegt – und auf Sport. Am „Farmer's Market“ kauft seine Frau Gabbi gern frische Ware ein. Ganz lässt sich indes Junkfood auf dem Speiseplan nicht vermeiden, und so kommen auch die drei Söhne in ihrem Heißhunger auf Pizza zu ihrem Recht.

Heute hat Gabbi den „Chauffeurdienst“ für Gus übernommen und vorher noch John mit „Instruktionen“ versorgt, wie er scherzt. Für Gus, den mittleren der drei Buben, steht vor dem Match am Samstagvormittag noch ein Fußballtraining auf dem Programm. Und die drahtige Gabbi nutzt die Gelegenheit gleich selbst für eine Joggingrunde im Grünen. Sie geht regelmäßig laufen, John fährt oft mit dem Rad in die Arbeit und unterzieht sich mitunter vor Arbeitsbeginn im Fitnessstudio seiner Firma einem morgendlichen „Workout“. „Leider komme ich zu selten dazu“, merkt er an.

Sport, Sport, Sport. Für viele Amerikaner gehört das Fitnesstraining vor oder nach der Arbeit zum täglichen Ritual. Diszipliniert quälen sie sich in aller Früh auf den Laufbändern und Tretmühlen oder traben keuchend durch die Straßen. John ist freilich auch ein passionierter Passivsportler. Während es in der Küche brutzelt, läuft die Fernsehübertragung eines Spiels seiner „Phillies“, des Baseballteams seiner Heimatstadt Philadelphia.

Nach den Sommerferien hat die fünfköpfige Familie Zuwachs bekommen: Sarah, Johns Nichte aus Vermont, absolviert ein Praktikum am Washingtoner Smithsonian Institute, der Museumsstiftung der Hauptstadt. Wie ihr Onkel John studiert auch sie Kunstgeschichte. Bis Weihnachten wird sie bei den Abruzzis wohnen und ein wenig das Hauptstadtfeeling genießen, das politisch aufgeladene Klima der Obama-Regierung. Dass sie im Frühjahr ihr Studium auf Hawaii fortsetzen möchte, hat allerdings nichts mit der Verehrung für den Präsidenten zu tun, sondern eher mit Exotik, Sonne und Meer. John und Gabbi setzten darauf, Sarah zuweilen auch als Babysitterin einzuspannen, um sich ein wenig freizuspielen von den täglichen Verpflichtungen.

Simon, ein 22-jähriger Coach für den US-Fußballnachwuchs aus dem englischen Gloucester, hat sich auch heuer wieder für einige Wochen im Keller der gastfreundlichen Familie einquartiert. Die Buben, vor allem Jake, der älteste, „fliegen“ auf seine saloppe Art. Und nicht zuletzt hat sich noch ein Kater zu den zwei Katzen hinzugesellt: Pete, der neue Darling.

Mit mehreren DVDs und einem Gähnen kehrt Gabbi vom Sport zurück. „Ich muss mich nach den Ferien erst wieder an die Routine gewöhnen.“ Sie hat sich inzwischen als Ersatzlehrerin beworben, aber noch keine Antwort bekommen. „Hat Jake seine Musikübungen gemacht?“, fragt sie ihren Mann pflichtbewusst, bevor sie sich einen Schluck Rotwein einschenkt.

Ab in die Falle. Wie gebannt hocken die Buben vor dem Fernsehschirm und sind nur durch äußerste mütterliche Autorität fortzubewegen. Während John den Abwasch erledigt, treibt Gabbi ihr Dreibubenhaus ins Bett. Manchmal fragt sie sich, wie es wohl gekommen wäre, wenn sie ein Mädchen bekommen hätte. Hans, der Sechsjährige, hängt besonders an seiner Mutter. Er besteht darauf, noch eine Gutenachtgeschichte vorgelesen zu bekommen. „Hans ist ein Mommy-Boy“, gesteht John ein. Gabbi verschwindet bald ins Kinderzimmer – und stößt schlaftrunken erst nach einer guten Dreiviertelstunde wieder zu der Runde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2009)

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