Zuschauen, wegsehen, verstummen. Warum das kritische Österreich-Bild so ist, wie es ist, macht das neue Buch "Ach Austria! Verrücktes Alpenland" der Wien-Korrespondentin des "Spiegel" deutlich. Wir bringen einen Auszug aus dem Schlusskapitel.
Kein Einzelfall: Der Schriftsteller Peter Turrini tourte jahrelang durch seine einstige Heimat Kärnten, arbeitete dort mit Künstlern der slowenischen Minderheit, veranstaltete zweisprachige Literaturabende, um auf die wertvolle Binationalität am Fuße der Karawanken aufmerksam zu machen. Geändert hat das freilich nichts, Haider gab (und seine Nachfolger geben bis heute) die immergleiche Parole aus: „Kärnten wird einsprachig.“ Von der Hälfte der Bevölkerung wird dieser zur Staatspolitik avancierte Ausdruck von Begrenztheit und Hinterweltlertum nicht nur akzeptiert, sondern expliziert bejubelt – die Wahlergebnisse belegen das.
Derartiges geschieht oft im Alpenstaat: Die Denker des Landes versuchen sich als Korrektiv, versuchen entgegenzuwirken, abzufedern, abzumildern – doch die Geschichte, die Politik, nimmt ihren Lauf, ganz so, als hätte es deren Einwürfe nie gegeben. Es ist das Prinzip Gummiwand, das sich auf diese Weise regelmäßig Bahn bricht. „Eigentlich weiß man immer schon vorher“, sagt Doron Rabinovici: „Wir werden nichts ändern.“ Und Phänomene brechen sich Bahn, die mit einer Demokratie eigentlich unvereinbar sein sollten, Gedankengut sickert ein, wird zur systemimmanenten Materie – die Verharmlosung der radikalen Rechten, die Schönfärberei, die Kumpanei mit ihren Protagonisten, der fortgesetzte Bruch der Verfassung, xenophobe Hetze, antieuropäische, antiglobale Gesinnung, ressentimentgeladene Atmosphäre, kurz und gut: die fortgesetzte Verschiebung der Gesellschaft nach Rechtsaußen, gestützt und angefeuert durch die Allmacht der „Krone“, des „Zentralorgans der österreichischen Gegenaufklärung“, wie der Schriftsteller und Philosoph Franz Schuh es einmal formulierte. Die österreichische Gesellschaft, allen voran die Politik, schaut zu. Lässt es zu. [...]
Mecker-Piefke. Bis heute gelten die aufklärerische Auseinandersetzung, das offene Wort, die freie kontroverse Meinungsäußerung im Alpenland als unbequeme Disziplinen. Nebulöses Geraune ist akzeptiert und freilich weit verbreitet, dezidierte Kritik hingegen mag man lieber nicht so gern. Wer sie dennoch übt, outet sich schnell als mit den Landessitten nicht Vertrauter, als depperter Tschusche, als Mecker-Piefke. Oder als aus der Art geschlagener Geist, den es entweder zu bekämpfen oder – wenn möglich – mit allen Mitteln wieder einzufangen gilt. Entsprechend ging es dem finanziell stark ins Trudeln geratenen ORF. Die Regierung Faymann-Pröll zeigte sich äußerst kreativ, um die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt, die den Regierenden offensichtlich zu unabhängig geworden war, nicht nur wirtschaftlich zu stabilisieren (auch dies Ansinnen war angesichts der gemachten Vorschläge höchst fragwürdig), sondern vorsorglich lieber enger an die Kandare zu nehmen, sprich: politisch stärker unter Kontrolle zu bringen. Unter demokratiepolitischen Überlegungen kein wünschenswerter Schritt, gilt doch der ORF als wichtiges Gegengewicht zum hochkonzentrierten Printmarkt.
Ein umstrittener und heftig diskutierter Gesetzesentwurf der Großkoalitionäre brachte im Frühjahr 2009 neben der Initiative „Rettet den ORF“, einem Zusammenschluss unabhängiger Zeitungen, auch die Plattform „SOS-ORF“ auf den Plan: Mehr als 60 Mitarbeiter sprachen sich vehement gegen den „starken politischen Druck“ aus, dem die Sendeanstalt ausgesetzt sei. Nicht zuletzt aufgrund des großen medialen Aufruhrs ließ die Regierung zwischenzeitlich von ihrem ursprünglichen Vorhaben des Großreinemachens ab, nach dem öffentlichen Protest erklärte man nun, „scheinen die Aktivitäten im ORF verstärkt in die richtige Richtung zu gehen“.
Gut für die Protagonisten, dass sie in diesem Fall in Form einer konzertierten Aktion den Schulterschluss üben konnten. Denn in einem kritikungeübten Umfeld wie dem alpenländischen leben Kritiker oftmals gefährlich. Nicht selten ist der Umgang mit ihnen geprägt von persönlichen Übergriffen, von unsachlichen Vorwürfen, die lediglich eines zum Ziel haben: den Gegner mundtot zu machen. [...]
Typologie des Wegsehens. Dass Kritik, kritisches Hinterfragen im Alpenstaat bisweilen nahe am Landesverrat rangiert, bewies in aller Deutlichkeit auch der Fall Amstetten. Tage, nachdem die Inzestgeschichte bekannt, der Tätervater dingfest gemacht worden war, verlieh ein ausländischer Korrespondent – angesichts der schönredenden Bezirkshauptmannschaft; angesichts der wegsehenden Bürokratie, die die unter dubiosen Umständen aufgetauchten Kinder der eingesperrten Tochter nie zum Anlass genommen hatte, bei der Familie genauer hinzusehen; angesichts der über zwei Dekaden ahnungslos gebliebenen Nachbarschaft – bei einer Pressekonferenz in einem Amstettener Hotel seinem Unbehagen hörbar Ausdruck: „What is wrong in the state of Austria?“
Sogleich setzte sich ein Reflex in Gang, der durchaus symptomatisch ist für den Umgang mit abweichenden Meinungen. Urplötzlich fühlte sich das ganze Land beleidigt, gedemütigt, der damalige Bundeskanzler Alfred Gusenbauer schaltete sich höchstpersönlich in die Debatte ein und erklärte auf einer Maikundgebung der SPÖ voller Kampfesgeist: „Wir werden nicht zulassen, dass irgendjemand glaubt, unserer Jugend eine neue Erbsünde andichten zu können.“ Und: „Wir werden das Ansehen unseres Landes verteidigen.“
Der bloße Gedanke an mögliche (!) Parallelen zum Fall Kampusch, an etwaige Versäumnisse der Behörden, an die gesellschaftliche Akzeptanz destruktiver patriarchalischer Strukturen – er wurde zur Ungeheuerlichkeit hochgespielt. Und das ganze Land, in bester Tradition, einmal mehr zum Opfer stilisiert. Die eigentlichen Opfer, die jahrelang in völliger Isolation in ihrem Kellerverlies eingesperrt waren, wurden aus der öffentlichen Diskussion zumindest zeitweise verdrängt.
Die Resistenz gegen Kritik, die unbedingte Harmonie und ungestörtes Wohlfühlen zum Lebenselixier des Gemeinwesens erklärt – sie geht einher mit einer anderen durchaus verbreiteten Kulturtechnik: der „Typologie des Wegsehens“, wie es der Salzburger Spezialist für analytische Psychologie, Leo Prothmann, bezeichnet. „Das nicht genaue Hinsehen verfolgt den Zweck, nicht alles ans Licht zu lassen, ganz nach dem Motto: Vielleicht ist ja alles nicht so schlimm.“ Das aber münde zwangsläufig in Verdrängung und Verschiebung der Realität ins Unbewusste.
In der Tat ist Vorsicht geboten, wenn diese Typologie einmal durchbrochen wird, dann läuft eine wütende Meinungskamarilla zur Höchstform auf, um Aufklärung und Aufdeckung am besten gleich im Keim zu ersticken.
So geschehen auch im Fall Zilk: [...]Was im Alpenland nicht sein darf, das kann eben nicht sein: Große Männer werden verehrt, verteidigt, angebetet – Aktenlage hin, Informantengehalt her.
Vor allem Künstler waren und sind mit dieser besonderen Form der Ikonisierung immer wieder konfrontiert, dann nämlich, wenn sie es wagen, genauer hinzusehen, eben jenes ans Licht zu holen, was viele lieber verdrängt sähen. Als Nestbeschmutzer wurden sie dann gebrandmarkt, gar als Fall für die Wissenschaft oder der Einfachheit halber gleich zu Staatsfeinden erklärt. „Ein Fall von Kritik“, umschrieb Robert Menasse das Phänomen, werde nicht selten als „kritischer Fall“ empfunden. [...]
Auf Tauchstation. Neben der Spaß- und Quietschgesellschaft erscheint die Zunft der Kulturschaffenden wie ein fernab gelegenes Biotop. Hier lautes Bussi-Bussi-Getöse, dort angespanntes Schweigen. Tatsächlich hält sich so mancher Intellektuelle vornehm zurück. Man wolle, man könne sich nicht äußern. Kein Wunder: Vieles haben sie einstecken müssen. Die Macht des Meinungsboulevards machte es möglich. Ein Boulevard, der sich mit missionarischer Inbrunst auch in Kunst und Kultur einmischt, Stimmung anheizt, gegen Geist, gegen Intellekt, gegen Modernität agitiert, als handle es sich um einen inneren Feind, den es zu vernichten gilt. Der über Kunst richtet, ganz wie zu unseligen Zeiten, der namhafte Kulturgrößen namentlich in den „Dreck“ zog. Abgerundet wird das Bild von einer politischen Elite, der augenscheinlich das Gehör fehlt, das Gespür für jene, die dem Land geistig Leben einhauchen, die dem Kleinformat eher zugetan ist als der Kultur.
Und so sind viele auf Tauchstation. Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die sich in früheren Zeiten vehement einmischte, die politische und gesellschaftliche Gemengelage aus einem kritischen Blickwinkel hinterfragte und dafür heftigen Attacken ausgesetzt war: verstummt.
Verstummt auch Peter Turrini, Österreichs renommierter Theaterdichter, der 2008 den Würth-Preis für Europäische Literatur erhielt – auch er mag sich nicht mehr äußern. „Es herrscht eine gewisse Müdigkeit gegenüber dem Immergleichen vor“, sagt der Theatermann fast gequält. Jahrzehntelang habe man sich eingemischt, wie ein Pawlow'scher Hund auf all das reagiert, was sich in der Republik abspielte. Ohne Erfolg. „Es hat sich herausgestellt, dass es in Österreich ein Spezialistentum für sinnloses Kommentieren gibt.“ Das seien zweifelsohne die Schriftsteller. Irgendwann, so Turrini, habe man einfach keine Lust mehr.
Turrini war einer, der sich immer eingemischt hat. Der sich für gesellschaftliche Verbesserungen starkmachte, dem Missstände nie gleichgültig waren. Ein Land muss sich Sorgen machen, wenn kluge Stimmen wie seine nicht mehr zu vernehmen sind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2009)