Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Volkstheater: Der Menschenfeind reißt sich zusammen

(c) APA/GEORG HOCHMUTH
  • Drucken

Der junge Regisseur Felix Hafner mit seiner ersten Inszenierung am großen Haus: Molières scharfe Komödie über einen, der aus einer bigotten Gesellschaft ausbrechen möchte - doch in seinen eigenen Vorstellungen gefangen bleibt.

Am Ende ist da ein Schrei. Ein Jubelschrei! Endlich, endlich ist er am Ziel, bald darf er die Schöne in die Arme schließen, aber davor rast Philinte (Sebastian Klein) die Treppe hinauf, hinaus, damit niemand Ohrenzeuge werde seiner unbändigen Freude darüber. Was freilich nichts nutzt: Natürlich hört man ihn, so laut, als wäre er gar nie weg gewesen, und er ist ja auch schon wieder da und rast im gleichen halsbrecherischen Tempo die Treppe hinunter: Erst bekommt Menschenfeind Alceste einen dicken Schmatz, dann die liebe Éliante einen innigen Kuss, und so ist Molières Komödie wenigstens für einen – oder hoffen wir zwei – so richtig gut ausgegangen.

Dieser Gefühlsausbruch ist auch deshalb so kathartisch, weil wir zuvor eine Stunde und vierzig Minuten lang die größte Zurückhaltung beobachten konnten: Wenn etwa Alceste, der unter der Heuchelei dieser Welt fast ebenso sehr leidet wie unter der Flattrigkeit der von ihm vergötterten Célimène, wirklich nicht mehr weiter weiß; wenn sie ihm wieder einmal erklärt hat, dass sie ihn zwar liebe, aber da er ihr nicht glaube, dann liebe sie ihn eben nicht: Dann wiegt Lukas Holzhausen als Alceste leicht seinen Oberkörper, dreht sich ein wenig nach links und rechts, als überlege er auszubrechen. Nur wie? Und wohin?

 

Der Dichter bekommt Szenenapplaus

Der 1992 geborene Felix Hafner, der sich mit seiner Inszenierung von Thomas Köcks Stück „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ für das Haupthaus empfohlen hat, ist ein leiser Regisseur. Das Bühnenbild (Paul Lerchbaumer) ließ er auf eine Treppe reduzieren, die Kostüme (Werner Fritz) sind dezent in Schwarz, Weiß und ein bisschen Lila gehalten, das muss reichen. Statt der Enzensberger-Übersetzung, die zwar genial ist, das aber dauernd betonen muss, wählte er die nicht minder leichthändig verfasste, allerdings weniger auftrumpfende Übertragung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens. Und auf irgendwelche Hinweise, dass man mit dem „Menschenfeind“ die Heuchelei unserer Zeit verhandle, verzichtet Hafner gleich ganz. Nein, das ist keine Aufführung, die uns, wie man sagt, den „Spiegel vorhält“, wobei wir in diesen Spiegeln paradoxerweise stets nur die anderen sehen. Hafner interessiert stattdessen am „Menschenfeind“ das psychologische Kammerspiel.

Und auch dabei geht er äußerst vorsichtig vor: Nur in zwei Passagen gibt er dem Publikum Zucker: Rainer Galke als Oronte darf den eitlen Dichter geben, der seine Liebe zu Célimène in gestelzte Verse packt. Die kleine Kabarettnummer mit musikalischer Untermalung bekommt Szenenapplaus. Und auch Evi Kehrstephan (Célimène) und Birgit Stöger (Arsinoé) dürfen kurz über die Stränge schlagen: Die eine spielt die junge Witwe mit Lust am Tratsch, die andere eine ältere Frau, die sich gern tugendhaft gibt. Die beiden prallen unter dem Einsatz von Cremetörtchen aufeinander. Wobei man das auch schon exzessiver gesehen hat. Auch hier siegt letztlich die Zurückhaltung.

 

Niemand wird denunziert

Felix Hafner will keine von ihnen denunzieren. Nicht Célimène, deren Wunsch nach Unabhängigkeit er ernster nimmt als andere Regisseure. Und auch nicht Arsinoé: Birgit Stöger spielt sie mit permanent hochgezogenen Schultern, doch bei aller Verklemmtheit auch anmutig und voller Sehnsucht. Wir würden ihr ein bisschen Glück wohl gönnen. Am langweiligsten sind Hafner jene Szenen geraten, die uns die Oberflächlichkeit der Gesellschaft vor Augen führen; das interessiert ihn nicht. Wunderbar jene, die den Menschenfeind in den Mittelpunkt stellen: Er ist ein durchaus selbstgerechter Gerechter, ein Kritiker, der Konventionen anprangert und doch in ihnen gefangen bleibt, ein Dogmatiker, der liebt: Und nein, auch nach eineinhalb Stunden wissen wir nicht, ob sie ihn wiederliebt.

Nächste Aufführungen: 6., 10., 17. und 30. Oktober, 3. November um 19.30 Uhr. www.volkstheater.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2016)