Österreichs Universitäten sind im Europavergleich bei Budget und Aufnahmekriterien schlechter gestellt, bei der Autonomie können sie punkten.
WIEN. Mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs so erfolgreich durch das Bildungssystem zu schleusen, dass sie an der Universität studieren, klingt nach einem ehrgeizigen Ziel. In Dänemark hat man sich das nicht nur vorgenommen, sondern es auch umgesetzt. Die aktuellen Zahlen pendeln sich derzeit zwischen 40 und 50 Prozent ein. Georg Winckler, Rektor der Universität Wien und bis März dieses Jahres auch Vorsitzender der European University Association (EUA), hatte im August im Rahmen einer Evaluierung die Möglichkeit, die dortige Hochschullandschaft etwas unter die Lupe zu nehmen – und er zeigt sich begeistert. Allerdings habe man sich dort auch schon viel früher dazu bekannt, Geld für Bildung in die Hand zu nehmen. Zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden in Dänemark für den Hochschulsektor aufgewendet, in Österreich sind es derzeit 1,1 Prozent. Das erklärte Ziel, ebenfalls zwei Prozent zu erreichen, wurde bis auf Weiteres auf 2020 vertagt.
Dänemarks früherer Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen (rechtsliberale Venstre-Partei) hat seine Politik vor Jahren in eine sogenannte Globalisierungsstrategie gebettet. Um langfristig den durchaus teuren Wohlfahrtsstaat finanzieren zu können, habe man sich dazu bekannt, entsprechende Investitionen in Forschung und Bildung zu tätigen.
Taxametersystem als Vorbild
Das Ergebnis könne sich sehen lassen: ein Konzept, das Winckler dem früheren Bundeskanzler Alfred Gusenbauer bereits ans Herz gelegt hatte. Das dänische Taxametersystem etwa sehe vor, dass für jeden Studienplatz die Lehre voll abgegolten werde. „Das ist ein sehr offenes und transparentes System. Außerdem wurde 2007 auch die außeruniversitäre Forschung in die Universitäten integriert, um diese in der Forschung stärken zu können.“
In Österreich gebe es nicht einmal Zahlen darüber, wie viele Personen eines Jahrgangs in ihrem Bildungsweg die Hochschulen erreichen. Aber, wie ein Däne zu Winckler sagte: „Wir sind Wikinger. Wir schauen uns an, wo wir hin wollen und wie wir am schnellsten dort hinkommen.“ Eine Einstellung, die Winckler in der heimischen Politik ein wenig vermisst. Um sich im internationalen Umfeld langfristig behaupten zu können, brauche es Breite und Spitze. Die heimische Politik richte ihr Augenmerk aber weder auf das eine noch auf das andere, fast könne man meinen, das erklärte Ziel sei das Mittelmaß, beklagt Winckler.
Dabei sei das Konzept der Autonomie der Universitäten, wie es Österreich praktiziere, durchaus ein Vorbild für andere Staaten. So haben sich die Finnen etwa bei einem Hearing dazu bekannt, es Österreich gleichzutun. Die Vollrechtsfähigkeit der Unis, die Arbeitgeberfunktion, aber vor allem die finanzielle Autonomie und damit einhergehend auch die organisatorische Unabhängigkeit seien Dinge, die man nach österreichischem Vorbild auch implementieren wolle.
Dennoch sieht der Uni-Wien-Rektor noch eine Vielzahl von Verbesserungsmöglichkeiten und durchaus auch Vorbilder in Europa. So hebt Winckler die klaren Strukturen des niederländischen Systems positiv hervor. Die Autonomie der Universitäten sei dort bereits in den 1990ern eingeführt worden. Hier sei der Universitätszugang weitgehend offen, allerdings werde dann nach einem Jahr der Studieneingangs- und Orientierungsphase selektiert.
An der Schnittstelle von Schule zu Hochschule sieht Winckler in Österreich jedenfalls Verbesserungsbedarf. So sollte ganz nach angloamerikanischem Vorbild nicht die abgebende Institution (also die Schule) die Bildungsstandards formulieren, sondern die aufnehmende (also die Hochschule). Jegliche Art von Zentralmatura könne man sich getrost sparen, wenn für jeden Gegenstand ein solcher (Bildungs-)Standard vorliege, was man nach Abschluss der Schulstufe von einem Schüler erwarten dürfe. Da sei es durchaus sinnvoll, wenn die Bildungseinrichtung darüber entscheidet, die später auf diesem Wissen aufbauen muss.
Relikt aus dem 19. Jahrhundert
Dass das genau anders herum praktiziert werde, sei ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert, so Winckler. Damals war das Studium an Hochschulen dreigliedrig konzipiert, also Bachelor, Master und ein mit dem heutigen PhD vergleichbarer Abschnitt. Das Bachelor-Studium wurde dann an die Mittelschulen (die heutigen AHS) ausgelagert, dafür bildeten die Universitäten die Mittelschullehrer aus. „Das war ein historischer Kompromiss, den es aufzubrechen gilt.“
AUF EINEN BLICK
■Georg Winckler ist Rektor der Uni Wien, er war 2000–05 Präsident der Österr. Rektorenkonferenz und 2005–09 Präsident der European University Association. Zudem ist er Mitglied mehrerer europäischer Forschungsinstitutionen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2009)