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Schämen Sie sich eigentlich nicht, Herr Umweltminister?

Minister Rupprechter empfiehlt Abschuss von Wölfen. Wie steht es mit der Verpflichtung, auf die Schöpfung zu achten?

Sehr geehrter Herr Minister Rupprechter! Am 27. September erreichte Sie ein offener Protestbrief von WWF und Naturschutzbund. Während man sich in Österreich über ein erstes Wolfsrudel in Allentsteig freut, fällt Ihnen im eben erschienenen „Grünen Bericht“ nichts Besseres ein, als auf die Bundesländer einwirken zu wollen, den Wolf im Alpenraum ganzjährig zu bejagen, um die Almen „wolfsfrei“ zu halten. Eine Chuzpe, zumal Sie ja nicht anders konnten, wurden Sie doch von der sogenannten §7-Kommission (je ein Vertreter der Parlamentsparteien, der Arbeits-, Landwirtschafts- und Wirtschaftskammer sowie dem ÖGB) dazu gedrängt.

Viel offizielles Österreich stellt sich damit gegen den Wolf, also gegen alle heimischen und EU-Gesetze und gegen den Willen einer Mehrheit im Land. In Konflikten zwischen Landwirtschaft und Natur, so scheint es, verliert immer Letztere – und damit unsere Zukunft. Sie, Herr Minister, geben damit ein deprimierendes Beispiel für einen Versuch des herrschenden Filz-Systems von Politik, Jagd und Land(-wirtschaft), in einer sich rasant ändernden Welt weitermachen zu wollen wie bisher; jenseits von Ethik und Sachverstand.

Denn die Koexistenz von Wolf mit Almwirtschaft ist natürlich möglich, man muss sich nur anpassen wollen. Das geht ja auch in anderen Ländern. Wo der Wolf nie weg war, wie etwa bei unseren östlichen Nachbarn, ist man ohnehin pragmatisch-entspannt. Und Schafe gibt es dort übrigens immer noch.

Klar, dass dies nicht zum Nulltarif geht. Die Kosten eines Lebens mit dem Wolf müssen sich in höheren Kosten für bäuerliche Produkte niederschlagen. Wir wissen, dass Wölfe besser als menschliche Jäger die Wildbestände gesund und Wildschweine sowie die Pflanzenfresser und mittelgroßen Räuber in Grenzen halten können. Damit sorgen sie für eine reichhaltigere Natur.

Aber selbst wenn man rational-biologischen Argumenten unzugänglich bleibt, sollte man sich ethischen Überlegungen nicht ganz verschließen: Ein Leben mit Elefanten macht die Landwirtschaft in Afrika und Asien nicht gerade einfacher. Dennoch erwarten wir von den dortigen Menschen, dass sie ihre Elefanten teils recht aufwendig auch für uns schützen. Zunehmend übrigens nach der Devise: Hirn statt Flinte. Und das ist im reichen und entwickelten Österreich nicht möglich?

Wie lässt es sich eigentlich mit Ihrem christlichen Gewissen vereinbaren, dass Ihre schützenswerte Schöpfung offenbar den (wirtschaftstreibenden) Menschen und seine Schafe einschließt, nicht aber Wildtiere mit angestammtem Lebensrecht wie etwa den Wolf? Missverstehen Sie das „Macht Euch die Erde untertan“ immer noch als Freibrief für jene menschlichen Egoismen, welche diese Welt so nah an den Abgrund geführt haben? Sehen Sie den Wolf nicht auch als Nagelprobe für ein Umdenken? Als ein konkretes Symbol dafür, dass wir nicht die Herren dieser Erde sind, sondern ihre Gäste – so wie alle anderen Arten auch? Wie steht es mit unserer Verpflichtung, auf die Schöpfung zu achten und pfleglich mit ihr umzugehen?

Schämen Sie sich eigentlich gar nicht, Herr Umweltminister? Zusammen mit besagter §7-Kommission gehören Sie offenbar zu jenen heimischen Dinosauriern, von denen sich die Wähler zunehmend mit Grausen abwenden. Lernen oder Aussterben, fällt mir dazu nur ein.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2016)