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Postings: Das Ressentiment, das aus der Mitte der Gesellschaft kommt

Wer ein Menschenfreund bleiben will, sollte keine Postings lesen. Unter dem Mäntelchen der Anonymität verbergen sich Neid, Missgunst und Vorurteile.

Lange Zeit hatte man die Gefahren für unsere Gesellschaft an den Rändern verortet. Die einen blickten besorgt nach links, sahen den Terror der Roten Armee Fraktion, klammheimliche Sympathisanten und gewalttätige Chaoten, die als Demonstrationstouristen auch nach Österreich kamen. Die anderen sahen die Gefahren primär rechts außen, bei Rassisten, Hetzern und notorischen Leugnern von Massenverbrechen.

Der Hass schien auf die Ränder begrenzt – und dort bekämpfte man ihn. Dazwischen aber lag eine Art demografisches und sozialpsychologisches Niemandsland: die breite Mitte unserer Gesellschaft. Menschen, die Extreme ablehnten, in Ruhe leben wollten, über viele politische Kompromisse stöhnten, aber dennoch unaufgeregt blieben.

Den Medien erschienen sie vergleichsweise uninteressant: Lautstarke Minderheiten sind allemal aufregender als ein Mittelstand. Der war, als schweigende Mehrheit abqualifiziert, lang im Schatten des politikwissenschaftlichen Interesses.

In den vergangenen Jahren aber sind die Wagenburgen in der Mitte unserer Gesellschaft in Bewegung geraten. Sie haben mediale Plattformen gewonnen und schweigen nicht mehr. Was bisher privat beklagt wurde, wird nun als Affektabfuhr sichtbar. Die gelegentlichen Denkzettel von früher erscheinen heute online. Anonyme Postings sind das Ventil der einstigen schweigenden Mehrheit. Das Internet quillt über davon.

Wer ein Menschenfreund bleiben will, sollte sie nicht lesen. Tut man das dennoch, begegnet man dem Ressentiment. Nicht mehr dem anachronistischer Randzonen, sondern einem, das aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Unter dem Mäntelchen der Anonymität verbergen sich Neid, Missgunst und Vorurteile. Ihnen begegnet man nicht nur in den viel gescholtenen Boulevardmedien, sondern auch in jenem „gehobenen Zeitungssegment“, das im Titel seinen Standard rühmt.

Überspitzt könnte man sagen: Manche Leserbriefe, die in Massenblättern abgedruckt werden, sind gehaltvolle Epistel gegen das, was in sogenannten Qualitätsmedien gepostet wird. Hier wie dort brodelt der mutlose Rachegedanke von Zeitgenossen, die Nietzsche einst so beschrieben hat: „Der Mensch des Ressentiments ist weder aufrichtig noch naiv, noch mit sich selber ehrlich. Sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hintertüren. Seine Seele schielt.“

Karl Kraus war noch deutlicher. Er geißelte eine Presse, „die sich auf den Ehrgeiz beschränkt, Bedürfnisanstalt zu sein“ und ihre Allianz mit Lesern, die sich weigern, „die Jauche ihrer Bedürfnisse in den Kanal des Geistes zu gießen“. Tatsächlich zeigen viele Postings, dass ihre Verfasser über einen gewissen formalen Bildungsstand verfügen.

Aber haben sie wirklich die Botschaft des ersten Korintherbriefs, Kapitel 13 („Und hätte die Liebe nicht“) verstanden? Wissen sie, was Albert Schweitzer mit seiner „Veneratio vitae“ gemeint hat? Hat der soziale Humanismus, den sie in der Schule wenigstens in Ansätzen erlebt haben, positive Spuren hinterlassen? Ist das, was sie anonym absondern, wirklich nur das „Schielen der Seele“ oder schon die Einladung zur bösen Tat?

Und täuscht mich der Eindruck, dass die Zuschriften in österreichischen Medien gedankenärmer und gehässiger sind als die Online-Kommentare in der „FAZ“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ oder auf Spiegel Online?

Man müsste naiv oder dumm sein, um in Postings Wohlerzogenheit zu erwarten. Sie sind ein Ventil, eine Affektabfuhr. Ihre Anonymität erspart die Impulskontrolle. Soll man sie deshalb verbannen? Aus Rücksichtnahme auf Menschen, die unter uns leben, und juristischen Überlegungen geschieht das ab und zu.

Es ist eine pragmatische Maßnahme. Man kann sie mit einem Rest an aufklärerischem Interesse auch bezweifeln: Denn immerhin ist die Koprolalie der Postings aufschlussreich. Sie erinnert uns täglich daran, dass wir in keiner Gelehrtenrepublik leben.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit

Anfang 2011 ist er
Vorsitzender des Österreichischen
Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2016)