Tschechien: Champs-Élysées für Prag

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Fußgängerzone, Brunnen und neue Bäume: Nach jahrelanger Planung steht dem Wenzelsplatz die Umgestaltung bevor. Als Vorbild dient die Pariser Prachtmeile.

Prag. Der Prager Wenzelsplatz hat seine Erscheinung im Laufe der Geschichte schon oft geändert. Seit elf Jahren gibt es Pläne, den Platz im Stadtzentrum neuerlich umzugestalten. Nun sollen die ursprünglichen Pläne, nur leicht abgewandelt, endlich umgesetzt werden – zunächst im unteren Teil. Im kommenden Jahr sollen die Bauarbeiten beginnen, und wenn alles nach Plan läuft, wird der untere Teil des Platzes Anfang 2018 sein neues Gesicht präsentieren.

Aus dem Wenzelsplatz soll eine Art Prager Version der Pariser Champs-Élysées werden. Der ursprüngliche Plan sah die neuerliche Einrichtung einer Straßenbahnlinie vor, das steht mittlerweile nicht mehr zur Debatte. Jedenfalls soll der Platz fast ausschließlich Fußgängern vorbehalten sein und eine zweite Reihe von Bäumen bekommen. Platanen, die lichtdurchlässiger und weniger schädlingsanfällig sind, werden die Linden ersetzen – dabei ist die Linde der tschechische „Nationalbaum“. Zudem sollen Brunnen sprudeln, Bänke zum Verweilen locken und die Parkplätze auf ein Mindestmaß reduziert werden.

 

Pferdemarkt und Demonstrationen

Im 14. Jahrhundert nach der Gründung der Prager Neustadt durch Kaiser Karl IV. errichtet, diente der Wenzelsplatz zunächst dem Handel mit Pferden – daher auch der ursprüngliche Name Rossmarkt. Später erweiterte sich der Handel auf Tuch und Waffen. Schon immer lud er aber auch zum Lustwandeln ein, der Platz, der eigentlich keiner ist. Er erinnert vielmehr an einen Boulevard, denn er ist zwar 60 Meter breit, aber 750 Meter lang.

Etliche Male wurde der „Platz“, der zu den größten seiner Art in Europa zählt, umgebaut und für neue Zwecke genutzt. Die meisten der heute existierenden Häuser stammen aus der Zeit zwischen 1890 und 1930. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen weitere Gebäude hinzu, etwa das Hotel Jalta mit einem erst kürzlich entdeckten unterirdischen Geheimbunker für die Spitzen des Warschauer Pakts im Fall eines Atomschlags.

Der Platz erlebte auch zahlreiche Demonstrationen. Zu den unvergessenen gehört die Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach 1969, aus Protest gegen die Lethargie, mit der Tschechen und Slowaken damals das Ende des Prager Frühlings hinnahmen. In den 1970er-Jahren gestaltete die politische Führung den Platz bewusst um: großflächige, mit Beton eingefasste Blumenbeete sollten verhindern, dass große Menschenmengen hier zu Protestkundgebungen zusammenkommen. Die Massendemonstrationen im November und Dezember 1989, die zum Sturz der alten KP-Garde führten, haben sie dennoch nicht verhindern können.

 

Bordelle in den Nebenstraßen

Es war der Streit um eine Tiefgarage, der die Umsetzung der neuen Gestaltungspläne derart hinausgezögert hat: Die Zufahrt in die Garage kann im Prinzip nur über den Wenzelsplatz angefahren werden. Die vorläufige Lösung sieht vor, dass die Zufahrt mit Platten abgedeckt wird, sollte die Garage aus irgendwelchen Gründen später doch nicht gebaut werden.

Sobald die Baugenehmigung vorliegt, wird eine Kommission über die Pläne zur Umgestaltung des oberen Teils des Platzes beraten. Würde man die Prager fragen, was unbedingt geändert werden sollte, dann fiele die Antwort weniger architektonisch aus: Ihnen missfallen vor allem die Leute, die abends die Spaziergänger mit hoher Penetranz in die zumeist in Nebenstraßen liegenden Bordelle und Spielkasinos zu locken versuchen. Das ist in den Augen der Prager die wirkliche „Schande“ dieses Platzes, nicht die lange Dauer der Planung für dessen Umbau, wie die Prager Oberbürgermeisterin, Adriana Krnáčová, bei der Vorstellung des Projekts meinte.