Klassenkampf auf dem Wörthersee

ELEKTROBOOT �JULIKA 660�
ELEKTROBOOT �JULIKA 660�(c) APA (BOOTE SCHMALZL)
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Oktoberrevolution auf kärntnerisch: Seit gestern kann jeder um eine Bootslizenz für den Wörthersee ansuchen.

Schiffe und Revolutionen – das hat ja fast schon Tradition. Die amerikanische Unabhängigkeit hatte ihre Initialzündung bekanntlich 1773 im Hafen von Boston mit der berühmten Tea Party, die Oktoberrevolution begann 1917 mit dem Schuss aus der Bordkanone des Panzerkreuzers Aurora, und die Vergabe von Bootslizenzen für den Wörthersee wird seit dem 3. Oktober 2016 punkt 14 Uhr durch ein Online-Vormerksystem gehandhabt. So weit, so geschichtsträchtig.

Für Landratten zur Erklärung: Seit vielen Jahren ist das Befahren der Kärntner Seen streng limitiert. Aus Gründen des Umweltschutzes sind im ganzen Land nur 444 Motorboote und 625 Elektroboote zugelassen. Auf dem Wörthersee sind genau 330 Motorboote mit einer gültigen Lizenz unterwegs. Viel zu wenige, um die Nachfrage zu stillen. Der Ökonom würde von einer künstlichen Verknappung sprechen. Und dort, wo ein Gut in geringerer Menge vorhanden ist als Bedarf herrscht, dort beginnt das, was man allgemein als Spekulation bezeichnet.

Die Besitzer dieser begehrten Lizenzen sahen in ihrem flotten Schinakel nicht nur ein Boot, sondern vor allem eine Wertanlage. Es wird gemunkelt, dass am Wörtersee Bootslizenzen für 400.000 Euro den Kapitän gewechselt haben. Da wurde also der Begriff Hausboot ganz neu definiert.

Spekulieren und Kärnten – auch das hat ja fast schon Tradition. Aber ab und zu muss man auch mit Traditionen brechen, meint offenbar der grüne Kärntner Umweltlandesrat Rolf Holub. Sein Akt der „Transparenz“, wie es es nennt, wird von vielen Bootsbesitzern naturgemäß als Enteignung gesehen. Der Präsident des Jachtclubs spricht sogar von einer Aktion „Haut die Reichen“.

Tatsächlich sind nun natürlich jene die Dummen, die ihre Jacht einst um ein Eckhaus erstanden haben, und nun die Lizenz nicht mehr weiterverscherbeln können. Denn künftig wird die Lizenz nicht mehr automatisch mit dem Boot mitverkauft, sondern geht zurück an die Behörde.

Spekulieren mit Sachen, die dem Land Kärnten gehören – das hat ja fast schon Tradition. Und eine Bootslizenz ist genauso wenig ein Privateigentum wie etwa eine Banklizenz für eine Hypo. Einerlei. Nun werden die Lizenzen für Boote auf Kärntner Seen also – wie es heißt – auch für Normalbürger erschwinglich. Nach 30 Minuten sind gestern bereits 4500 Anträge eingelangt. Wer eine neue Bootslizenz für den Wörthersee ergattert, wird diese nicht mehr verkaufen können – allenfalls verleihen. Auf dem Wörthersee wird wohl gerade der Begriff Bootsverleih neu definiert.

E-Mails an:gerhard.hofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2016)

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