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Orientierungslauf: Schnell laufen, schneller denken

Für 1500 Österreicher ist Orientierungslauf ein spannender Weg aus dem Alltagstrott. Es ist auch manchmal ein Weg zu sich selbst.

WIEN. Es ist ein zwei Zentimeter dicker Ast, der sich mehr als zehn Zentimeter tief in Martin Johanssons Oberschenkel bohrt. Der Schwede läuft gerade mit hohem Tempo durch den Wald, als das Unglück passiert. Er versucht weiterzulaufen, doch nach ein paar Schritten geht er zu Boden. Seine Konkurrenten hören ihn laut aufschreien. Von da an verliert er immer wieder das Bewusstsein. Seine drei Verfolger, der Franzose Thierry Gueorgiou, der Norweger Anders Nordberg und der Tscheche Michal Smola, eilen ihm zu Hilfe. Eben noch härteste Konkurrenten, verzichten sie auf einen möglichen WM-Titel.

Diese Szenen spielten sich Ende August auf der letzten Strecke der Staffel bei der Orientierungslauf-Weltmeisterschaft in Ungarn ab. Dass sich die drei Sportler so schnell und selbstverständlich entschieden zu helfen, beschreibt diese Sportart wohl besser als sämtliches Fachchinesisch.

Knapp 1500 Österreicher vom Kindes- bis ins hohe Seniorenalter messen sich regelmäßig im Orientierungslauf. Mithilfe einer detailreichen Karte im Maßstab 1:10.000 und eines Kompasses müssen sie den Weg zu mehreren Kontrollpunkten finden. Wer alle „Posten“ in der vorgegebenen Reihenfolge am schnellsten absolviert, hat gewonnen. Zur Zeitmessung und als Beweis für den Besuch aller Posten gibt es einen kleinen Computerchip. Gestartet wird meist einzeln.

„Den Reiz des Orientierungslaufs macht aus, dass man nicht nur monoton dahinläuft, sondern dass durch den mentalen Faktor eine stete Abwechslung gegeben ist“, sagt der 26-jährige Staatsmeister Gernot Kerschbaumer, der an der WU Wien studiert. Keine Strecke wird zweimal absolviert. So sind auch die Weltbesten vor Fehlern nicht gefeit.

„Schon als ich ins Gymnasium gekommen bin, gab es eine gute Kooperation zwischen dem Heeressportverein Pinkafeld und der Schule“, erzählt Kerschbaumer, wie er auf den Orientierungslauf aufmerksam wurde. Nach einer siegreichen Jugend gilt er als erfolgreichster österreichischer Orientierungsläufer. Mehrere rot-weiß-rote Meistertitel und Top-Ten-Platzierungen bei Weltmeisterschaften rechtfertigen dies. „Man muss einfach ein gutes Gespür für seinen Körper entwickeln, damit man nicht übers Limit geht, denn dann kann man nicht mehr klar denken“, sagt Kerschbaumer. Vor allem nach langen Bergaufpassagen machen viele Läufer für sie später „unerklärliche“ Fehler.



„Man darf nicht übers Limit gehen, sonst kann man nicht mehr klar denken.“

Gernot Kerschbaumer

Orientierungslauf ist in Skandinavien ein Volkssport, und so zählen die nordeuropäischen Länder seit jeher zu den erfolgreichsten. Doch auch Frankreich, Russland und vor allem die Schweiz sind inzwischen Topnationen. Österreich stellte erst einmal, 1997, mit Lucie Böhm eine Weltmeisterin. Seither gab es vereinzelt Topleistungen, doch der Aufstieg zur Weltklasse ist noch Zukunftsmusik.

Orientierungslauf ist auch Lebensschule. Die Fachhochschule Salzburg führt immer wieder Managementtrainings in Form von Orientierungsläufen durch. Denn man bewegt sich auf unbekanntem Terrain und soll bestimmte Ziele erreichen. Zu langes Zögern, aber auch unausgereifte Entscheidungen werden „bestraft“. Beim Orientierungslauf kostet es Zeit, im Management Geld.

Doch manchmal geht es um keines von beiden, sondern um Hilfsbereitschaft und Kameradschaftlichkeit, wie sie Martin Johansson gezeigt wurde. Ein heikles Thema war deshalb natürlich die Ehrung der überraschenden Sieger, die den Vorfall im Wald nicht mehr mitbekommen hatten. Man entschied sich zu guter Letzt, sie zu ehren, jedoch ohne Siegerposen und vor dem Podium statt darauf. Die Medaillen wurden nicht um den Hals gehängt, sondern nur in die Hand genommen.

Am nächsten Tag veranstalteten die Schweden für die drei Länder, die ihrem Läufer geholfen hatten, einen kleinen symbolischen Wettkampf, in dem sie um den „moralischen Sieg“ kämpften. Der verletzte Martin Johansson ist nach einer Operation übrigens wieder auf dem richtigen Weg – auf dem Weg der Besserung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2009)