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Smartphone: Die Wanze in der Hosentasche

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Eine Studie dokumentiert, wie Apps unser Leben ausspionieren. Mithilfe der Daten werden heute schon Job-Bewerber aussortiert oder Kunden nach Kaufkraft gereiht.

Wien. Ein durchschnittliches Smartphone sendet im Hintergrund an 20 bis 40 weitgehend unbekannte Firmen buchstäblich alles: Anruflisten, Adress- und Telefonbücher, Surfverhalten, Standortverlauf und vieles mehr. Bei Personen, die im großen Umfang Apps auf ihren mobilen Endgeräten installieren, kann die Zahl der Empfänger schnell 100 und mehr erreichen. Weil 86 Prozent der 13 Mio. aktiven Mobilfunkanschlüsse in Österreich über Smartphones, also kleine, aber leistungsfähige Computer laufen, hat, stark vereinfacht gesagt, jeder Bürger seine ganz persönliche Wanze in der Hosentasche.

Der vorangestellte Absatz ist keineswegs Science-Fiction. Er ist die bildlich veranschaulichte Quintessenz einer Studie zum Ausmaß der kommerziell genutzten Überwachung von Konsumenten. Geschrieben haben das Werk der Programmierer und Internet-Aktivist Wolfie Christl und Sarah Spiekermann, Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Auf 165 Seiten fassen sie zusammen, wie wir alle ausgehorcht, katalogisiert und bewertet werden.

Dabei geht es nicht nur um Google und Facebook. Bemerkenswert an der Studie ist, dass sie Unternehmen vor den Vorhang holt, deren Namen und Praktiken fast niemand kennt, die aber auf Basis der von ihnen gesammelten Persönlichkeitsprofile Dienste anbieten, die die Autoren kritisch sehen.

 

Daten entscheiden über Wohl und Wehe

Kennen Sie zum Beispiel TellApart? Eigentümer Twitter hat die kalifornische Firma 2015 für 532 Mio. Dollar gekauft. Das Unternehmen bietet seinen Kunden an, Besucher von Webshops mithilfe der eigenen, personenbezogenen Datensammlung zu katalogisieren, einzuordnen, in verlässliche und unverlässliche, zahlungskräftige und notorisch klamme zu dividieren. „Firmen können so personalisierte Angebote und Rabatte gewähren, bis hin zu individuellen Preisen“, sagt Christl. Das Problem, das er dabei sieht, ist, dass so auf Basis intransparenter Vorgänge im Hintergrund Menschen Vor- und Nachteile gewährt bekommen.

Dabei sind individuelle Preise oder die Weigerung, einem schlecht bewerteten Kunden überhaupt etwas zu verkaufen, noch vergleichsweise harmlos. Anbieter wie Cornerstone und Workday verkaufen Datenanalysen, mit denen dann Firmenkunden ihre Angestellten bewerten: nach Benehmen, Produktivität und Fertigkeiten. GNS Healthcare wiederum verkauft Bewertungen zum Gesundheitszustand von Bürgern. Auf Basis dieser Analysen will man so den Versicherungen bei der Vorhersage helfen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Beitragszahler einmal eine Operation braucht, ob er diese dann auch will, und wenn ja, welchen Effekt die Operation haben könnte.

Wer sich fragt, woher diese Unternehmen nun so überaus sensible Daten bekommen: Von uns selbst. Christl formuliert das so: „Das Smartphone ist das mächtigste Instrument für die umfassende Dokumentation unseres Alltags.“ In den handlichen Geräten läuft heute alles zusammen: Bewegungsprofil, private Interessen, Kommunikation, finanzielle Angelegenheiten, Fitnessdaten und vieles mehr. Auf all diese Informationen gewähren wir vielen installierten Apps Zugriff. Im Kleingedruckten der Systemeinstellungen kann man das nachlesen. Wirklich wertvoll werden die Daten dann, wenn man sie miteinander verknüpft und einer bestimmten Person zuordnet. Das funktioniert heute über Telefonnummer und E-Mail-Adresse. Banales Beispiel: Wer gestern in der Amazon-App einen WLAN-Router gesucht hat, bekommt diese Geräte einen Tag später auf einer anderen Website und auf einem anderen Gerät in Form von Werbung angeboten. Die Botschaft: Die Software weiß immer, wo man gerade ist.

Christl und Spiekermann sehen die Gefahr, dass durch solche Praktiken in Zukunft ganze Bevölkerungsgruppen diskriminiert oder sozial ausgeschlossen werden könnten. Die Weigerung, via Smartphone am digitalen Leben teilzunehmen, ist jedoch für die meisten Menschen keine Option. Studienautor Christl glaubt, dass die Datensammelindustrie transparenter werden muss. „Das kann man auf mehreren Wegen erreichen, zum Beispiel Forschung, durch die Schaffung kritischer Öffentlichkeit und letzten Endes durch staatliche Regulierung.“
Die Studie „Networks of Control“ von Wolfie Christl und Sarah Spiekermann erschien kürzlich als gebundenes Buch im Facultas-Verlag (19 Euro). Weiters steht sie im Internet kostenlos als PDF-Datei zum Download zur Verfügung:

http://crackedlabs.org/dl/NetworksOfControl_Full.pdf

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2016)