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Brigitte Hamann – Historikerin mit liebendem Blick

ARCHIVBILD: BRIGITTE HAMANN
Brigitte Hamann, 1940–2016.(c) APA/HERBERT PFARRHOFER
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Ihre Bücher über Kaiserin Elisabeth und Kronprinz Rudolf wurden Bestseller. Die verstorbene Historikerin Brigitte Hamann hat seriöse Wissenschaft lesbar gemacht.

Ob man diesen Hitler nicht endlich einmal „wegforschen“ könnte, fragte „FAZ“-Herausgeber Jürgen Kaube beim jüngsten Deutschen Historikertag im September. Anlass war ein heftig geführtes Streitgespräch über die Edition von „Mein Kampf“. Doch anscheinend ist auch die Nationalsozialismusforschung noch nicht beim Abhaken angelangt. Anlass genug für den Autor dieser Zeilen, wieder einmal (wie schon so oft) in Brigitte Hamanns wohl bedeutendstes Buch hineinzulesen, „Hitlers Wien“, das neben den Fin-de-Siècle-Büchern von Carl Schorske und William Johnston einen besonderen Ehrenplatz in jedem Bücherregal zur Jahrhundertwende von 1900 innehat. Man liest 2016 nicht ohne Besorgnis ihre Darstellung vom Aufkommen agitatorischer Populisten, vom Ende der Liberalität in der Politik, und wie in der Habsburgermonarchie der Konsens der Nationen zu zerbröseln begann.

 

Jedem Verdacht nachgehen, jeder Spur

Ihre besondere Leistung in diesem Buch: Sie hat das, was man glaubte, im Großen und Ganzen schon zu wissen, durch ihre intensive Quellenkritik in den Rang von wissenschaftlichen Resultaten gehoben. Als das Buch 1996 erschien, merkte man erst, wie viele Probleme dieser Jahre von Hitlers Jugendzeit bis dahin noch ungeklärt gewesen waren. Schon damals forderte Brigitte Hamann eine kommentierte Neuausgabe von „Mein Kampf“, „damit die jüngere Generation nicht auf all die Lügengeschichten Hitlers reinfällt“.

Das zeichnet das Lebenswerk der Historikerin Brigitte Hamann, die ursprünglich kurze Zeit Journalistin war, aus: jedem Verdacht, jeder Spur nachzugehen, jede Quelle zu überprüfen und dann ihre Ergebnisse so zu präsentieren, dass auch eine breite Öffentlichkeit damit etwas anzufangen wusste. Diese Verbindung von wissenschaftlicher Rigorosität und großer schriftstellerischer Darstellungskunst machte sie zu einer der populärsten Historikerinnen Österreichs.

Dabei kam sie, die 1940 in Essen geboren wurde, wie so viele junge Deutsche heute, als Studierende an die Wiener Universität, sie wurde hier Assistentin des Historikers Günther Hamann, bald seine Ehefrau und Mutter von drei Kindern. Den Weg zu ihrem ersten Buch schilderte sie selbst als eine Art von Initiationsprozess: „Ich saß (nach der Geburt des dritten Kindes) vor der Waschmaschine im Keller, heulte wie ein Schlosshund und dachte, ich kann nicht mehr.“ In der Verzweiflung fasste sie den Entschluss, zwar zu Hause zu bleiben und keine Universitätskarriere zu beginnen, aber sie begann am Küchentisch mit der Arbeit an ihrer Dissertation über Kronprinz Rudolf. In fünf Jahren war sie fertig. So entstand ihr erster Bestseller.

„Wie macht das die Hamann?“, fragte sich nicht nur der Historiker-Doyen Gerald Stourzh bei seiner Laudatio 2012 auf die berühmte Kollegin, die gerade den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz erhalten hatte. Zu zahlreichen Auftritten im Fernsehen, zu Vorträgen in Europa und den USA waren inzwischen Bücher über Kaiserin Elisabeth hinzugekommen, über Mozart, Bertha von Suttner, ein Habsburger-Lexikon, angesichts dessen man Wikipedia ruhig vergessen kann. Zu durchwegs österreichischen Themen also (mit Ausnahme ihrer Beschäftigung mit dem Richard-Wagner-Clan) fühlte sie sich hingezogen, ihrer Ansicht nach nicht, obwohl sie gebürtige Deutsche war, sondern weil sie es war: „Ich hatte einen anderen Blick auf Österreich und begann mit einer gewissen Distanz zu schreiben.“ Mit ihrem objektiven Blick hat sie mit dazu beigetragen, „die Identität dieses Landes offenzulegen“, so die Jury 2012 bei der Preisverleihung.

 

Die Deutsche als Österreich-Entdeckerin

Als Zugewanderte hat sie die Gabe besessen, den Reiz von Themen zu entdecken, die hierzulande, weil zu nahe, unentdeckt geblieben sind. Dazu kam bei ihr im Lauf des Lebens wohl eine große Zuneigung zu ihren brüchigen Figuren, zu Sisi, zu Rudolf, der emanzipierten Frau von Suttner. Mit diesem Interesse für menschliche Schicksale gewann sie Popularität bei einer bürgerlichen Leserschicht, durch die gut lesbaren Biografien wurde Geschichtswissenschaft, die sich um 1980 durch die Vorliebe für schwer lesbare, strukturgeschichtliche Studien ins Leser-Out manöviert hatte, wieder populär. Österreich hat viel Grund, um diese bedeutende Wissenschaftlerin zu trauern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2016)