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Von Bildern auf vier Beinen: „Das Leben kann so einfach sein“

Mariella Habsburg sitzt auf ihrem „Linsengericht“.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Mariella Habsburg macht aus Tischen kleine Kunstwerke für den Alltagsgebrauch. Am Wochenende ist sie damit auf dem Edelstoff-Markt vertreten.

Ob man darauf denn sitzen könne, fragt der Fotograf. Mariella Habsburg winkt entspannt ab – „man kann darauf auch tanzen“ – und nimmt auf dem „Surfbrett“ vulgo „Linsengericht“ Platz: einem großen ovalen Tisch, dessen bemalte Oberfläche an selbige Speise erinnert – oder auch an Fossilien, je nach Assoziation.

Es sind scherzhafte Namen, die Habsburg ihren Tischen verpasst hat. Da sind die „Schwimmbadtische“, kleine, unregelmäßig runde in Türkistönen, die auf einen Besitzer mit Swimmingpool warten. Das sind das „Weltall“ und die „Meerestiere“, Spinnenmuster, oder, ihre liebsten, die Denkertische: nüchterne, quadratische Thonetmodelle in schlichten dunklen Farben, mit wellenartigen Linien bemalt, die man sich gut in einer Küche oder einem Vorzimmer vorstellen kann, auf die man die Post, Zeitungen oder die Schlüssel wirft.

Dazu, für den ganz normalen Alltag, sind die Tische gemacht, sie sind stabil lackiert und glatt geschliffen – ein Lackierer, freut sich Habsburg, habe ihr gerade beigebracht, wie das noch besser geht.

 

„Meine Güte, du langweilst mich!“

Überhaupt strahlt die 47-Jährige, wenn sie von ihren Tischen spricht. Vor zwei Jahren hat sie mit deren Entwicklung begonnen. Ein alter Tisch habe sie plötzlich einfach geärgert: „Meine Güte, du langweilst mich!“ Farbe und Pinsel habe sie sowieso immer bei der Hand gehabt, also habe sie sich einfach über das Möbelstück hergemacht. Zu Beginn sah sie das Unternehmen vor allem als „buddhistische Aufgabe an mich selbst: Flächen so zu gestalten, dass man damit leben kann, Farben zu verbinden, die im Raum vorhanden sind, so viele Muster zu malen, wie der Raum verträgt.“

Aus den ersten Tischen wurden immer mehr, sie fand sie in Möbelgeschäften genauso wie bei der Caritas. In ihrer ursprünglichen Form „lauter nichtssagende Tische, aber wenn Farbe dazukommt, wird daraus plötzlich etwas ganz anderes. Das ist mein Ehrgeiz.“ Je mehr Skepsis ihr Umfeld geäußert habe, „desto sturer bin ich zu meinem Produkt gestanden“.

Inzwischen hat sie 30 Tische im Angebot und einige verkauft, den ersten an einen steirischen Maler. Und sie glaubt an ihr Konzept: „Es ist eine völlig andere Qualität, wenn man eine Beziehung hat zu den Dingen, die einen umgeben.“ Die Herausforderung sei, bei aller Kreativität „erträglich zu bleiben. So ein Tisch muss relativ ruhig daherkommen, damit man damit leben kann.“

Die Tätigkeit selbst sei dabei „unheimlich kontemplativ, man geht darin verloren, ist stundenlang beschäftigt, darf wieder malen wie ein Kind“. Nach der Matura hatte die geborene Wienerin eine Malausbildung gemacht, dort lernte sie Marmorieren und Holzarten zu imitieren, dabei „den Umgang mit Farbe und Pinsel und vor allem das Schauen“. Später hat sie einige Jahre auf der Angewandten studiert, da kamen dann aber schon die Kinder, insgesamt hat sie vier. 20 Jahre hat die Tochter des „Gewinn“-Mitbegründers Georg Waldstein als verheiratete Habsburg „auf dem Land“ verbracht, im niederösterreichischen Ybbs-Persenbeug, wo ihr heutiger Ex-Mann ein Gut bewirtschaftet.

Nun, mit Mitte 40, hat sie den Mut gefunden, mit ihrer Kreativität nach außen zu gehen. Am kommenden Wochenende ist sie auf dem Edelstoff-Designmarkt vertreten. Der bietet in seiner zehnten Ausgabe auf 4000 Quadratmetern in der Marx-Halle Mode, Schmuck, Accessoires – und Möbel. Das Interesse der Designmarkt-Organisatorinnen Simone Aichholzer und Sabine Hofstätter freue sie besonders, sagt Habsburg – zumal sie mit ihren Tischen weder in Einrichtungsgeschäfte passe, die Möbel von der Stange bieten, noch in eine Galerie.

Dass die Mutter etwas auf die Beine stellt, sei auch für die Kinder eine wichtige Botschaft, glaubt sie. Überhaupt sei mit den Tischen einiges in Bewegung geraten. „Das Leben kann so einfach sein“, sei eine Erkenntnis, „wenn man das begriffen hat, dann gibt man richtig Gas. Und wenn ich auch noch Anklang finde mit meinen Tischen, wäre ich der glücklichste Mensch.“

ZUR PERSON

Mariella Habsburg macht aus Tischen Kunstwerke, die im Alltag verwendet werden sollen. Die Flächen sind professionell versiegelt, es gibt verschiedenste Größe, in Zukunft vermehrt Anrichten und Couchtische. Zu sehen sind die Tische in ihrem Atelier in der Sonnenuhrgasse in Wien Mariahilf, am 8. und 9. Oktober auf der Edelstoff-Designmesse in der Marx-Halle und Ende November in einer Verkaufsausstellung in der Raiffeisenbank im Loos-Haus. Vernissage am 25. November ab 18 Uhr, Preview von 16 bis 18 Uhr gegen Voranmeldung: gerlinde.lorenz@raiffeisenbank.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2016)