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Wolf Biermann: „Trotz alledem die Liebe wagen!“

(c) AP (Fritz Reiss)
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Wolf Biermann sang in Wien sein Leben und die damit verschränkte deutsche Geschichte vor.

Es war ein milder Sonntagabend, die Besucher des Theaters im Wiener Rabenhof genossen erst noch den Schanigarten und den Gastgeber, Wolf Biermann. Der plauderte vor der Vorstellung freundlich, auch eine Journalistenfrage nahm er an. Was denn für ihn, den 1976 aus der DDR Geworfenen, Heimat sei? „Für den Wolf Hamburg, wo ich geboren bin, für Biermann Berlin, wo ich mit 16 in den Osten ging, als viele in die andere Richtung gingen.“ Ja, ja, aber ob es ihm bei Heimat wirklich um Städte gehe und nicht um Menschen? „Die Freunde sind die Heimat, ich möchte nichts lieber, als mit ihnen zusammen sein. Aber das ist etwas komplizierter: Wenn das Ideal gelingt, ist es auch eine Art Flucht aus dem Streit der Welt.“

Den hat er immer gesucht, heute bleibt er milde, beim Plaudern und beim Vortrag der der alten Lieder, in denen seine Biografie so eng mit der deutschen Geschichte verschränkt ist. Er hat, ein Jahr nach dem Bau der Mauer, diese als Erster beim Namen genannt – Konterbande in einem Liebeslied –, er erlebte die Lockungen der Macht (Tourneeerlaubnis in den Westen) und ihre Lächerlichkeit: „Die Stasi ist mein Eckermann“ heißt es in einem seiner Gedichte/Lieder, in dem er vom Abgehörtwerden berichtet – später, nach der Wende, findet er eine Mitschrift des Lieds in den Archiven: Die Stasi hatte seine Wohnung verwanzt und ihm auch beim Singen zugehört, die Stasi wusste alles. Nur nicht, wer Eckermann ist, sie schrieb „Henkersmann“.

Anekdoten. Im Nachhinein wird milde, was damals voll politischer Sprengkraft war und noch voller von persönlichem Risiko. Der 72-Jährige weiß es und schiebt eine Reflexion darüber ein, dass die alten Texte heute eine andere Funktion haben – „Schichten in geschichtlicher Endlagerung“ –, dann zeigt er doch einmal, was sie früher für ihn waren, faucht und jault los wie einst und gibt der Gitarre freie Disharmonie.

 

„Das wird den Mördern nie verziehn!“

Es ist ein Lied über einen (verlorenen) Freund, einen Maler: Biermann ist im Zwangsexil in Paris, als der in Ostberlin lebende Maler dort ausstellen darf, sie sind einander nun fremder als fremd: „Wir sitzen auf ewig im gleichen Boot – und fahren längst auf verschiedenen Flüssen.“ Das hat ihnen das Regime angetan. Und das ist, was bleibt. Die Weltgeschichte zog weiter, die Wunden vernarben nicht: Dass sie den Prager Frühling zerschlagen haben, na ja, aber dass sie seine Geliebte zerstört haben und seinen Sohn auch, „das wird den Mördern nie verziehn“ („Voltaire-Chanson“, 2008). Darin, dass er nicht am Abstrakten leidet, sondern an dessen Auf-die-Haut-Rücken, gleicht er seinem Vorbild Heine, auch darin, dass ein aus der Heimat Gejagter keine mehr findet. Nach der Wende kam Biermann nach Ostberlin zurück, er kam „in die Fremde“.

Und suchte Zuflucht bei Heine, der seine letzte Heimat im „Freiheitskrieg“ fand (bzw. imaginierte, er lag todkrank in der „Matratzengruft“). Dieser Krieg ist es, der Biermann aus den Idyllen des Wohllebens/gefühls flüchten lässt – „Ich bin ein Freundesfresser“ (Voltaire-Chanson) –, er will sich, nun sagt er es auch von der Bühne, „nicht verpissen aus dem Streit der Welt“.

Aber er tut es, gegenwärtige Freiheitskriege haben keinen Platz im Programm, nicht den kleinsten. Er klebt an seinen alten Schlachten, so haben sie ihn doch noch in Haft genommen, es bleibt beim Erinnern und der Milde. Nicht ganz, er hat ja Heine (und Villon) und zitiert ihn – „Trotz alledem die Liebe wagen!“ –, bevor er sich selbst, unter dem Titel „Heimat“, an diese Front wirft: „Lass Tier uns mit zwei Rücken sein!“

Nächster Auftritt: Literaturhaus Graz, Heute, Dienstag, 22.9., 20 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2009)