Die gläserne Decke bleibt (TV-)Reality

Mit „Aktenzeichen XY“-Cheffahnder Eduard Zimmermann, schreibt mein Kollege vom Sonntagsdienst, sei der Erfinder des Reality-TV gestorben.

Weil der Mann mit der seriösen Brille sich zu seiner Zeit einiges traute – und Gewaltszenen von Schauspielern teils ziemlich drastisch nachspielen ließ. Heute regt so etwas keinen mehr auf. Wie so vieles andere, das zur Reality des Fernsehens gehört, das eben doch ein – wenn auch etwas verzerrter – Spiegel der Gesellschaft ist.

Dass der Grüne Abgeordnete Peter Pilz und Verfassungsrechtler Heinz Mayer z. B. bei der ORF-Sendung „Im Zentrum“ am Sonntag just dann zu tuscheln begannen (was die Zuschauer über die Mikrofone hören konnten), als Parlamentspräsidentin Barbara Prammer am Wort war, ist nur ein weitere Hinweis auf einen Fehler im gesellschaftlichen System, der sich oft im Fernsehen offenbart: Frauen werden zu wenig ernst genommen. Wenn sie überhaupt irgendwo präsent sind, wo es etwas zu sagen gäbe. Prammer hätte so einen Job – aber sie spricht leise, wirkt freundlich-zurückhaltend, ist eben auch in ihrer beruflichen Rolle ganz Frau – das alleine reicht offenbar, um ihr unverblümt nicht zuzuhören.


Im Parlament wurde vergangenen Donnerstag bei einer ORF-Enquete über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens diskutiert – und mit Jane Vizard von der Europäischen Rundfunkunion saß eine einzige Frau auf dem Expertenpodium. Dass sie nicht aus Österreich kam, ist nur logisch. Selbst wenn es eine Quote gäbe – es gibt hier kaum Frauen in maßgeblichen Positionen. Auch nicht im ORF, wo mit Sissy Mayerhoffer eine brave Aktenträgerin als eine Art Feigenblatt im Direktorium sitzt (in den Rängen darunter sieht es nicht besser aus). Ausnahme: „Standard“-Chefin Alexandra Föderl-Schmidt, die dafür schon fast inflationär in Talks und Diskussionsrunden eingeladen wird.

Wo stecken sie also, diese klugen Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen, die aufstrebenden Expertinnen? Unter der „gläsernen Decke“! Da warten einige – in der zweiten, dritten, vierten Reihe. Ohne Krawatte. Und damit offenbar auch so gut wie chancenlos.


isabella.wallnoefer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2009)

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