Jan Frodeno führte auf Hawaii einen deutschen Triplesieg an, bei den Damen jubelte die Schweizerin Daniela Ryf. Europa, Heimat der Übermenschlichen?
Kailua Kona/Wien. Wer von Hawaii spricht, denkt an Strand, Sonne, Wellen, Cocktails und Urlaub. Wer sich mit Geschichte und Kultur der Inselkette im Pazifischen Ozean beschäftigt, weiß, dass Hawaii seit 1959 der 50. Bundesstaat der Vereinigten Staaten ist. Man wird mit Aloha“ begrüß, Honolulu ist die pulsierende Hauptstadt. Pele ist hier kein Fußballer, sondern die Göttin der Vulkane. Wenn man über Hawaii spricht, fällt seit Jahrzehnten aber immer öfter ein anderer Name: Ironman.
Dieses Rennen ist die härteste Prüfung, der man sich als Triathlet stellen kann: 3,86 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren und als Finale ein Marathon über 42,195 Kilometer.
Fürchten Sie Ho'o-Mumuku?
Der glasklare Pazifik, die Wassertemperatur (26 Grad), brütende Hitze zur Mittagszeit, all das malt durchaus ein buntes Bild von Hawaii. Wer es zig Stunden später bis ins Ziel am Alii Drive in Kailua Kona geschafft hat, erfreut sich an der Ehrung: „You are an Ironman.“ Es sind Augenblicke, das behaupten diejenigen, die dort waren und durchgekommen sind, die man nicht mehr vergesse. Von Qual, Tortur oder Wahnsinn ist da nichts zu hören.
90 Profis dürfen vor 2300 Amateuren starten, springen sie alle ins Wasser, brodelt der Pazifik. Im Gedränge sind Ellbogen-Checks probates, geduldetes Mittel zur Fortbewegung, hohe Wellen und Wind (Ho'o-Mumuku) sind ohnehin die härteren Gegner. Dann geht auf dem Rad die Küste entlang, per pedes durch die Lavawüste – die Faszination dieser Romantik, mit ihr das Verlangen nach Qualen hält sich für Beobachter in Grenzen. Athleten hingegen schwören darauf.
Wie in jeder Sparte gibt es auch beim Ironman Ausnahmekönner. Typen, an denen es partout kein Umhinkommen gibt. Auf Hawaii ist der Deutsche Jan Frodeno kaum zu besiegen. Der Olympia-Sieger von Peking 2008 und Weltrekordler (7:35:39-Stunden) wiederholte in 8:06:30-Stunden seinen Vorjahressieg. Dass sein schärfster Konkurrent mit Sebastian Kienle ein Landsmann ist, verwundert auf den ersten Blick.
„Es ist kein Funsport mehr“
Für Applaus sorgte Debütant Patrick Lange. Er fixierte bei der 40. Auflage des Klassikers das Germany-Triple, in den Top sieben landeten vier Deutsche. Nicht Australier, Neuseeländer oder Amerikaner gewinnen, sondern nur die Nachbarn?
Frodeno erzählt plakativ davon, dass er „durch die Hölle gelaufen“ sei, noch „nie so gelitten“ habe. Plausible Antworten auf die deutsche Übermacht in dieser Ausdauersportart liefert er aber nicht. Dennoch, er sagt: „In Deutschland ist es nicht leicht, als Profi Fuß zu fassen. Wenn, dann musst du ordentliche Leistung zeigen, damit du Anerkennung kriegst. Hier auf Hawaii kommt uns unsere Methodik sehr entgegen. Wissenschaftlich trainieren, gewissenhaft. Viele Amerikaner sehen das noch als Funsport an. Dieses strikte, sture nach Plan Arbeiten ist eine deutsche Tugend.“
Knapp 20 Podestplätze errang Deutschland auf Hawaii seit 2000, Australien schaffte 13, die USA sechs. Bei Olympia sind die Distanzen – 500 Meter Schwimmen, 40 Kilometer Rad, 10 km Lauf –, kürzer, also gibt es mehr Anwärter. Im Extrem so gebündelt aufzutreten, erregt Neugierde. Und so sehr sich Frodeno und Kienle mühen: Nach dem Rennen beginnt ihr schwierigster Bewerb mit dem Ringen um Glaubwürdigkeit. Die Dopinglast plagt den Triathlon. Solche Kondition, Ausdauer, das Leid und die Verklärung der Qual wecken Bewunderung – und Zweifel. Da fragt auch die „Süddeutsche Zeitung“: Beim Streben nach Transparenz, sollten sich nicht Hawaii und Triathlon von all ihren Mythen irgendwann verabschieden?
Auch bei den Damen prolongierte Vorjahressiegerin Daniela Ryf (SUI) mit Streckenrekord (8:46:46) ihre Regentschaft auf der „Insel der Eisernen“. Österreicher waren auch dabei. Michael Weiss wurde 33. in 8:49:54-Stunden. Gesamt-52. und Fünfter seiner Altersklasse (36) wurde Stefan Leitner in 9:07:58-Stunden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2016)