Karzai: "Wurzel des Terrors liegt nicht hier"

(c) REUTERS (OMAR SOBHANI)

Afghanistans Ex-Präsident Hamid Karzai zieht ein Fazit aus dem 15-jährigen Kampf gegen Terror und Taliban, der Spaltung des Landes, den Luftangriffen und der Rolle der USA.

Kabul. Soldaten patrouillieren. Sicherheitsmänner beäugen jeden Besucher kritisch. Streng überwacht nahe dem afghanischen Außenministerium in Kabul liegt die Villa von Hamid Karzai. Afghanistans Ex-Präsident residiert weiterhin wie ein Staatschef und hat, so munkelt man, auch immer noch so viel Einfluss. 2014 verabschiedete sich der Mann mit der berühmten Karakul-Mütze offiziell aus dem Präsidentenamt. Doch nach wie vor empfängt Karzai Stammesälteste und Politiker, abwechselnd kritisiert er Washington und die Kabuler Regierung öffentlich. Im Interview mit der „Presse“ betont Karzai, dass er lediglich als besorgter Bürger agiere.

 

Die Presse: Die Taliban verbuchen in ihrem Kampf um die Macht Erfolge, immer mehr Afghanen verlassen das Land. Die Gewalt in Afghanistan hat laut der UNO einen neuen Höhepunkt erreicht. Was ist denn Ihr Resümee zum 15. Jahrestag der Operation Enduring Freedom in Afghanistan?

Hamid Karzai: Im Großen und Ganzen ein trauriges. Als die Vereinigten Staaten gemeinsam mit ihren Alliierten im Jahr 2001 nach Afghanistan kamen, stand das afghanische Volk ihnen zur Seite, um unser Land zu befreien. Afghanistan war durch die Taliban einer pakistanischen Invasion ausgesetzt. Diese Invasion wurde seitens des Westens unter amerikanischer Führung geduldet. Der Geistesblitz kam nach dem 11. September. Erst dann kam der Westen nach Afghanistan, um uns zu befreien. Der Erfolg der westlichen Truppen war nur durch die Unterstützung des afghanischen Volkes möglich. Erst daraufhin gab es in Afghanistan wieder Frieden.

 

Warum haben sich die Dinge dann wieder verschlechtert?

Innerhalb weniger Jahre sahen wir, dass die Unsicherheit im Land wuchs. Ich habe den Amerikanern und unseren anderen westlichen Unterstützern immer wieder gesagt, dass der „Krieg gegen den Terror“ nicht in Afghanistan geführt werden kann. Der Grund ist ganz einfach: Die Wurzel des Terrors liegt nicht hier. Man findet den Terror nicht in afghanischen Dörfern. Durch brutale, nächtliche Hausdurchsuchungen erreicht man gar nichts. Man verliert nur das Vertrauen der Afghanen – und schadet ihnen. Der Grund, warum der Krieg immer noch im Gange ist und heute derart intensiv geführt wird, liegt in diesen Fehlern, die weiterhin begangen wurden.

Die Regierung unter Ashraf Ghani und Abdullah stolpert von einer Krise in die nächste. Haben Sie selbst Ambitionen für ein Comeback als Präsident?

Nein, gewiss nicht. Meine Zeit ist vorbei. Ich habe in mehr als 13 Jahren meiner Amtszeit mein Bestes gegeben. Ich glaube an ein demokratisches Afghanistan, in dem die Afghanen selbst über ihre Zukunft entscheiden. Ich wünsche mir, dass eine junge Generation die Führung übernimmt. Ich bin lediglich ein Bürger, der sich über die Zukunft seines Landes Sorgen macht und nicht mehr Politiker.

Als die Taliban 2012 ihr Büro in Katar eröffneten, waren Sie außer sich vor Wut. Sie meinten damals, dass Afghanistan nicht zwei Regierungen haben könne. Genau das scheint jetzt der Fall zu sein. Es ist kein Geheimnis, dass Präsident Ghani und Regierungschef Abdullah unterschiedliche Interessen verfolgen.

Nein, das ist ein Unterschied. Wir haben heute eine Regierung, die von zwei Personen geführt wird. Im Falle der Taliban-Filiale in Katar hätten wir allerdings zwei Regierungen für ein Land gehabt. Dass Ghani und Abdullah interne Streitigkeiten haben, ist eine andere Geschichte. Als ich mich gegen die Eröffnung des Büros in Katar stellte, lag das Problem nicht direkt bei den Taliban.

 

Woran lag es sonst?

Es war ein Problem mit den USA. Schon vor der Eröffnung machte ich Präsident Obama klar, dass das Büro in Katar als Plattform für Friedensgespräche dienen sollte und nicht als Vertretung des sogenannten Islamischen Emirats Afghanistan, wie die Taliban unser Land bezeichnen. Ich wollte lediglich klarmachen, dass wir ein ungeteiltes, vereintes Land sind. Die Taliban verstanden mein Anliegen. Doch allem Anschein nach lag es damals im Interesse Washingtons, zwei Regierungen zu etablieren und das Land zu spalten.

Viele Menschen loben Ihre Amtszeit und betonen die Sicherheitslage damals. Ihre Kritiker behaupten allerdings, dass das weniger mit Ihrer Person zu tun hatte als mit der klug gewählten Zeit Ihres Abgangs. Als Sie abtraten, verringerte sich auch die Zahl der Nato-Truppen im Land erheblich.

Ich habe nicht den Zeitpunkt meines Abgangs gewählt. Ich musste gehen, weil die afghanische Verfassung das so vorsah. Laut der Verfassung war mir eine dritte Amtsperiode schlichtweg nicht erlaubt. Während meiner Amtszeit war Afghanistan sicherer. Ich führte meine Regierung souverän – und den US-Alliierten bot ich immer wieder die Stirn, wenn es sein musste.

Sie meinten vor Kurzem, dass Sie US-Luftangriffe verbieten würden, wenn Sie an der Macht wären. Warum haben Sie das eigentlich nicht gemacht, als Sie tatsächlich regiert haben?

Das habe ich doch gemacht. Es war der Hauptstreitpunkt zwischen mir und den Amerikanern. Die Luftangriffe und die zivilen Opfer wollte ich nicht dulden. Selbiges betraf die nächtlichen Spezialeinsätze. Das war auch der Grund, warum ich das bilaterale Sicherheitsabkommen mit Washington nicht unterzeichnen wollte.

Aber während Ihrer Amtszeit haben dennoch zahlreiche Luftangriffe stattgefunden. Laut den bekannten Daten fanden im Zeitraum 2001 bis 2013 über 1600 US-Drohnenangriffe in Afghanistan statt. Wie kann man da von einem Verbot sprechen?

Sie dürfen mich nicht falsch verstehen. Ich habe diese Angriffe immer wieder öffentlich kritisiert und auch verbieten lassen. Doch die Amerikaner haben nicht auf mich gehört und das Verbot einfach übergangen.

Der Medienmogul Saad Mohseni, Gründer des afghanischen Nachrichtensenders Tolo, entgegnete, die US-Luftangriffe seien der „Wille des afghanischen Volkes“.

Wir sollten uns nicht darüber freuen, wenn Afghanistan bombardiert wird und wenn Afghanen getötet werden. Unsere Soldaten, Polizisten und auch Zivilisten sterben tagtäglich. Auch die Mehrheit der Taliban besteht aus Afghanen. Es ist ein Trauerspiel, dass einige von uns sich über amerikanische Bomben freuen. Kein Afghane wünscht sich, dass sein Land bombardiert wird.

Laut aktuellem Bericht der Unterstützungsmission der UNO in Afghanistan sind die Taliban weiterhin für die Mehrheit der zivilen Opfer im Land verantwortlich. Warum trauen Sie der UNO nicht?

Ich traue solchen Berichten nicht, weil ich weiß, wie sie zustande kommen. Die Fakten sehen oftmals anders aus. Wir kennen die Fakten in Afghanistan besser als die UNO. Ich respektiere die Arbeit der UNO in Afghanistan, allerdings kann ich mich nie voll und ganz auf ihre Daten und Statistiken verlassen. Die UNO ist eine westliche Institution und agiert demnach auch nach westlichen Interessen. Im Endeffekt sollte jedoch eines klar sein: Egal, welche Seite für die Mehrheit der zivilen Opfer verantwortlich ist – es leidet das afghanische Volk. Dieses Leiden muss beendet werden.

Laut einem Bericht von Human Rights Watch töteten die Milizen von Vizepräsident Abdul Rashid Dostum mehrere Zivilisten im Norden des Landes. Auch die Privatarmeen anderer Kriegsherren, die der Regierung nahestehen oder Teil von ihr sind, haben immer wieder Zivilisten angegriffen. Ist das nicht auch eine direkte Folge Ihrer Politik? Immerhin haben Sie all diese Warlords 2001 an Bord geholt und ihnen Regierungsposten zugeteilt.

Nein, das denke ich nicht. Ich brachte die Warlords alle an einen Tisch und hatte sie unter meiner Kontrolle. Anfangs stellten sich die Vereinigten Staaten gegen diesen Schritt. Die Übergriffe von solchen bewaffneten Gruppen sind zu verurteilen und müssen untersucht werden. Verantwortung tragen vor allem jene, die diese Milizen unterstützen und bewaffnen. Wer bewaffnet diese Milizen? Sicherlich nicht der afghanische Staat.

Viele junge Afghanen verlassen weiterhin das Land. Politiker wie Sie fordern sie auf zu bleiben. Ist das nicht unfair? Die junge Generation ist nicht für die gegenwärtige Situation verantwortlich. Außerdem leben die Familien des Präsidenten oder des Regierungschefs bereits im Ausland.

Nein, das ist meines Erachtens nicht unfair. Afghanistan ist auch das Land dieser jungen Menschen. Viele Staaten gehen irgendwann einmal durch schwierige Zeiten. Doch diese muss man überstehen. Dass derartige Parolen jenen Politikern, die ihre Familien bereits ins Ausland geschafft haben, nicht abgekauft werden, ist vollkommen verständlich. Ihre Familien sollten auch hier sein. So sehe ich das. Meine Familie ist nämlich hier, und das wird sich auch nicht ändern.

ZUR PERSON

Hamid Karzai (58). Der Sohn eines paschtunischen Polit-Clans bestimmte vom 4. Dezember 2001 bis zum Ende seiner Amtszeit im Dezember 2014 als Präsident die Geschicke Afghanistans. Zunächst galt er als Liebling des Westens und von US-Präsident George W. Bush, ehe er zu einem Kritiker der USA und ihrer Drohnenangriffe avancierte. Hinter den Kulissen übt er nach wie vor großen Einfluss aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2016)