In "Die Stille danach" sucht eine Mutter nach der Bluttat ihres Sohnes nach einer Antwort: Warum? Ein düsteres Drama von Nikolaus Leytner.
Sieben Minuten. Dann ist es vorbei. Ein Amoklauf an einer Schule fordert Tote – der Täter richtet sich am Ende selbst: der 15-jährige Felix Rohm, Sohn einer Familie, in der man bisher weitgehend konfliktfrei zusammengelebt hat. Alles hat er sich gefallen lassen, hat es ertragen, wenn ihm die Mitschüler die Buntstifte zerbrochen, ihn verspottet haben. Meist mit einem Lächeln, als wollte er sagen: „Ihr könnt mir nichts anhaben.“ Einen guten Freund hatte er auch, Lukas, bei dem er jeden zweiten Nachmittag verbrachte –, jedenfalls dachte das seine Mutter.
Doch das ist, wie so vieles, nicht die Wahrheit. Auf der quälenden Suche nach dem Warum reiht sich bald ein Puzzleteil an das andere. Sie offenbaren ein anderes Bild von Felix – von der verschmähten Liebe über die depressiven Bilder aus dem Kunstunterricht bis zum peinlichen Video, das die anderen in das Netz gestellt haben. Regisseur Nikolaus Leytner lässt das Publikum in „Die Stille danach“ an der Fassungslosigkeit teilhaben, die die Familie, allen voran Mutter Paula (Ursula Strauss), lähmt – ein düsteres Drama, das nicht auf Action setzt (die Tat wird nur kurz gezeigt), sondern auf Psychologie.
Gerade dass das ein schwieriges Thema ist, hat Leytner gereizt: „Feel-good-Komödien machen andere.“ Er selbst ist alleinerziehender Vater einer 15-jährigen Tochter. „Das Thema hat mit einer vor allem auch für Kinder und Jugendliche veränderten Welt zu tun.“ Recherchiert hat er in Büchern und im Internet. „Da stößt man auf eine Welt, die ich nicht gekannt habe. Jugendliche sind in unserer Gesellschaft zunehmend einem hohen Druck ausgesetzt, Zwölfjährige sehen harte Pornos, Gewaltszenen machen die Runde – das ist nicht hauptverantwortlich für solche Taten, aber Teil der Realität, mit der die jungen Menschen heute fertigwerden müssen.“
Die Familie wiederum sei wie „ein Mikrokosmos, in dem sich die gesellschaftlichen Befindlichkeiten wie unter einem Brennglas abbilden“. Familie Rohm ist keine Ausnahme: Der Vater macht sich um die Sicherheit Sorgen (es hat Einbrüche gegeben), die Mutter ist befördert worden und hat weniger Zeit, die ältere Schwester Flora ist mit dem Kopf bei der Aufnahmsprüfung für die Musik-Uni. Auch das sind Zacken im Zahnrad der Kränkungen, die Felix dem Durchdrehen näherbringen. „Mütter und Väter übernehmen automatisch die Verantwortung für alles, was das Kind tut“, sagt Leytner. Aber wer kann die Verantwortung für eine solche Tat tragen? Gleichzeitig würden die Familien von Amokläufern in der Öffentlichkeit oft auf die Täterseite gerückt, „dabei sind sie in erster Linie Opfer“.
Das Recht, um den Sohn zu trauern
Auch in „Die Stille danach“ kommt es zur Belagerung durch Journalisten, zu Anfeindungen von außen. Doch Paula will sich nicht nehmen lassen, um ihren Sohn zu trauern – „sie will ihn verstehen, um ihn nicht ganz zu verlieren“, beschreibt Strauss ihre Figur. Weiters spielen Sophie Stockinger (Flora), Peter Schneider (Vater) und Enzo Gaier (Felix). „Es gibt das altmodische Wort: Man vertraut jemandem eine Rolle an. Das hat mit Vertrauen zu tun“, sagt Leytner. „Und im Idealfall werden die Darsteller nicht nur zu Anwälten ihrer Figuren, sondern fügen etwas hinzu, das man sich vorher nicht hat ausdenken können.“ Man könne so etwas nicht nach psychologischem Lehrbuch schreiben und spielen.
Am Ende werden nur einige von Paulas Fragen beantwortet. Sie kann das Puzzle der Gefühls- und Gedankenwelt ihres Sohnes nur teilweise zusammensetzen „Einfache Antworten gibt es in solchen Fällen eben nicht.“
„Die Stille danach“: 12. 10., 20.15 Uhr, ORF2
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2016)