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Daniil Trifonov, der All-inclusive-Pianist

(c) Wiener Konzerthaus

Der junge Russe begeisterte im Wiener Konzerthaus mit Schumann, Schostakowitsch und Strawinsky.

Es gibt Pianisten, die einen mit ihrer technischen Brillanz in den Bann schlagen; andere überwältigen mit ihrer ungebremsten Emotionalität; wieder andere faszinieren mit ihrer intellektuellen Durchdringung der Werke. Und es gibt Daniil Trifonov. 25 Jahre jung und dabei auf eine Weise „komplett“, die Angst machen könnte, wäre es nicht viel schöner, sich mit ihm an seinen scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten zu freuen.

Schumann für das Gemüt, Schostakowitsch für das Hirn und Strawinsky für den Virtuositätsnachweis – schon das Programm, das Trifonov am Dienstag ins Wiener Konzerthaus mitbrachte, trug seiner Vielseitigkeit Rechnung. Doch seine eigentliche Stärke liegt darin, eben diese drei Faktoren jederzeit in perfekter Balance zu halten. Am deutlichsten wird das bei seiner Auswahl an Präludien und Fugen Schostakowitschs. Trifonov steht technisch so weit über den Stücken, hat ihre Form so stark verinnerlicht, dass er die Freiheit erhält, ihren emotionalen Gehalt in einem Ausmaß zu erforschen, das anderen kaum zugänglich ist. Wo sie aufhören, fängt Trifonov erst so richtig an.

 

Niedergehustete Kinderszenen

Quasi als Sahnehäubchen spannt er dann einen Bogen über die fünf von ihm ausgewählten Paare (e-moll, A-Dur, a-moll, D-Dur, d-moll). Die Übergänge gestaltet der Pianist dabei so fließend-natürlich, als würde es sich überhaupt nur um ein einziges Stück handeln. Und er weiß, wie etwa beim schlichten Thema der A-Dur-Fuge, wo Zurückhaltung geboten ist, um die Wirkung noch zu erhöhen. Die auch im Piano elektrisierende Energie, die Trifonov scheinbar unmittelbar, als wäre gar keine Taste, kein Hammer dazwischen, auf die Saiten des perfekt auf ihn abgestimmten Bösendorfer-Flügels bringt, ist dann Ausdrucksmittel genug.

Trifonov hätte ruhig den ganzen Abend Schostakowitsch spielen können. Was allerdings auch wieder schade gewesen wäre, denn dann hätte man seine berührend zart hingepinselten und vom Publikum rücksichtslos niedergehusteten „Kinderszenen“ (man sollte langsam über eine verpflichtende Codein-Gabe für Konzertbesucher nachdenken) ebenso versäumt wie die mit adäquat manischem Gestus aus dem Flügel gerissene Toccata Opus 7, ebenfalls von Schumann, und dessen mit bezwingender Geschlossenheit präsentierte „Kreisleriana“. Nicht zu reden vom Auszug aus Strawinskys „Feuervogel“, der unter Trifonovs unfassbar virtuosen Händen eigentlich „Feuerwerksvogel“ hätte heißen müssen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2016)