Der Ex-Blumfeld-Sänger steuert den Titel des Literaturfestivals, "Tausend Tränen tief", bei. Bei der Literatur hat er trotz mäßiger Kritiken "Blut geleckt".
Passend zum Thema sei er ein bisschen gerührt gewesen, als er erfuhr, welchen Titel das Literaturfestival tragen sollte, das morgen, Freitag, in Wien startet, sagt Jochen Distelmeyer. Es heißt „Tausend Tränen tief. Wenn Katharsis schon nicht klappt, Rührung geht immer“. Und der Teil mit den tausend Tränen ist eine von Distelmeyers eigenen Textzeilen, konkret: der Titel eines der wohl erfolgreichsten Songs der Hamburger Band Blumfeld, deren Frontmann er 16 Jahre lang war, bis sich die Formation 2007 auflöste.
Bei dem, was ihm zu der Erfahrung Rührung einfalle, mache der Song, der 1999 auf dem Album „Old Nobody“ erschien (und in dessen Video der österreichische Schauspieler Helmut Berger sich selbst spielt), durchaus Sinn. Obwohl: „Ich finde das Stück selbst nicht rührend“, sagt Distelmeyer. „Sondern ich hoffe, dass ich damit direkt die Gefühle der Menschen angesprochen habe. Während Rührung immer etwas an der Oberfläche des Gefühls bleibt, obwohl es mit der Tiefe verbunden ist.“
Es ist also nicht ganz so einfach mit der Rührung. Weshalb der 49-Jährige noch dabei ist, die Sachen zusammenzustellen, die er am Freitagabend nach einer Lesung der jungen britischen Autorin Anneliese Mackintosh („Any other mouth“) vortragen wird. Angekündigt sind Stellen aus Büchern und aus Songs, die ihn berühren. „Das ist gar nicht so leicht. Weil ich den Eindruck habe, da, wo Rührung draufsteht, stellt sie sich meistens nicht ein.“ Für das von Fritz Ostermayer kuratierte Festival gehe er aber davon aus, dass all jene, die eingeladen sind, über das erzählerische Know-how verfügen, damit die Rührung eben nicht „in etwas Ausgestelltes, Kitschiges“ kippt.
Arbeit an einer neuen Platte
In Wien aus seinem eigenen Roman „Otis“ zu lesen, mit dem der für seine ausgefeilten Songtexte gefeierte Musiker vor anderthalb Jahren das Genre wechselte, hat er eigentlich nicht vor. „Es kann aber passieren.“ Die teilweise recht brutalen Kritiken zu dem Buch, in dem er eine Odyssee durch Berlin schildert, haben ihn aber nicht verschreckt. Im Gegenteil: Ganz bestimmt werde in Richtung Buch wieder etwas kommen. „Ich habe diverse Einfälle, diverse Ideen. Ich habe sozusagen Blut geleckt, was diese literarische Prosaarbeit betrifft.“ Aber noch nicht sofort.
Denn jetzt ist erst einmal ein neues Soloalbum dran, sein drittes seit der Auflösung von Blumfeld. An die Band denke er übrigens positiv, aber ohne Nostalgie zurück: Seine Lebensrealität habe sich davon – abgesehen von der Jubiläumstour zu 20 Jahren „L'État et moi“ vor zwei Jahren – eben ein bisschen entfernt. Und mit den Leuten, mit denen er jetzt Musik mache, habe er ein ähnliches Gefühl einer Band.
Wann seine neue Platte erscheint, kann er noch nicht verraten: Er fange Ende des Jahres einmal mit den Vorarbeiten an. „Mal sehen, wann wir dann ins Studio gehen.“ Ein „Volume zwei“ seines im Februar erschienenen Coveralbums „Songs from the Bottom, Vol. 1“, für das Distelmeyer unter anderem Britney Spears' „Toxic“ mit der Akustikgitarre interpretiert hat, ist danach nicht ausgeschlossen. Ob er das – oder gar den Titelsong des Festivals, „Tausend Tränen tief“ – morgen in Wien spielt, lässt er aber offen: Die Leute sollen sich überraschen lassen.
ZUR PERSON
Jochen Distelmeyer (49) war bis 2007 der Frontmann der Hamburger Band Blumfeld. Seit deren Auflösung macht er solo Musik und hat das Buch „Otis“ (2015) geschrieben.
Tausend Tränen tief heißt das Festival der Schule für Dichtung in Kooperation mit dem Literaturhaus Wien. Fr. u. Sa., Eintritt frei.
www.Infos unter:www.sfd.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2016)