Der italienische Literaturnobelpreisträger brachte Satire und Skandale. Politischer Akteur war er bis zuletzt.
Ich bin entsetzt“, soll der italienische Schriftsteller Dario Fo gesagt haben, als er 1997 erfahren hat, man habe ihm den Literaturnobelpreis verliehen. Einen Tag vor der Bekanntgabe des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers Bob Dylan ist Fo an diesem Mittwoch im Alter von 90 Jahren gestorben.
Fo war ein kulturelles Multitalent, prägend für die italienische Kultur des 20. Jahrhunderts: Als Schriftsteller, Regisseur, Maler, Komponist und Satiriker war er in der Welt berühmt und beliebt. Mit seinen anarchischen Stücken wie „Mistero Buffo“, in denen er die Mächtigen auf seine ihm so eigene Art attackierte, galt er als die Stimme der kleinen Leute. Seine Auftritte lieferten immer wieder Skandale. Einmal spielte er einen lüsternen Papst, einmal thematisierte er die Beziehungen zwischen Politikern und der Mafia. Aus dem Radio wurde er verbannt, seine Show „Cocorico“ bei dem Sender Radio RAI empört wieder abgesetzt. Mehr als einmal wurde er bei seinen Aufführungen von der Bühne geholt. „Ich bin nicht zum Theater gegangen, um Hamlet zu spielen“, sagte Fo einmal, „sondern um ein Clown zu sein, ein Hanswurst.“
Am 24. März 1926 wurde Fo im norditalienischen Sangiano beim Lago Maggiore als Sohn eines Bahnhofsvorstehers geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er in Mailand Kunst und Architektur, brach dies aber 1951 ab, um von da an das politische Volkstheater Italiens zu revolutionieren. 1954 heiratete er Franca Rame, beide spielten an dem beliebten Piccolo Teatro in Mailand. Als Fo im März dieses Jahres 90 Jahre alt wurde, feierte ihn die Stadt Mailand mit einem großen Fest – das Land und die Welt gratulierten.
„Mit Dario Fo verliert Italien eine seiner großen Hauptfiguren des Theaters, der Kultur, des bürgerlichen Lebens unseres Landes“, schrieb Italiens Ministerpräsident, Matteo Renzi, am Donnerstag. Dabei war das Verhältnis von Fo zu den Politikern des Landes nicht immer so harmonisch. Der Künstler war Zeit seines Schaffens ein politischer Akteur. Er kritisierte Berlusconi und sympathisierte in den letzten Jahren mit der Protestbewegung Movimento Cinque Stelle des Komikers Beppe Grillo. 2006 kandidierte Fo sogar für das Mitte-links-Bündnis bei der Wahl zum Bürgermeister Mailands. Er verlor diese zwar, kam aber auf mehr als 23 Prozent der Stimmen.
Benigni: „Fo widerspricht man nicht“
In den italienischen Medien war Fo in den vergangenen Wochen vor allem wegen seines öffentlichen Neins zum Referendum über die italienische Verfassung präsent. Er ist damit seinem Kollegen, Schauspieler Roberto Benigni gegenübergestanden, der die Befürworter unterstützt und sich für ein Ja zum Referendum engagiert. Zu einem öffentlichen Schlagabtausch zwischen den beiden ist es aber nicht gekommen. „Fo widerspricht man nicht“, sagte Benigni kürzlich. „Genauso wenig wie der eigenen Mutter.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2016)