Immer mehr Frauen melden sich mit Berichten über sexuelle Übergriffe des republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Die Meinungsfragen zeigen, wie im Lichte dieser Veröffentlichungen seine Chancen sinken.
Washington. Als der republikanische Präsidentschaftskandidat, Donald Trump, am Sonntagabend im Rahmen des zweiten Rededuells mit seiner demokratischen Gegnerin, Hillary Clinton, schwor, er habe noch nie eine Frau sexuell belästigt, riss Jessica Leeds der Geduldsfaden. „Ich wollte in den Bildschirm schlagen“, sagte die 74-Jährige zur „New York Times“. Denn im Jahr 1978, an Bord eines Fluges nach New York, habe ihr der damals aufstrebende junge Bauspekulant genau das angetan: sie geschlechtlich genötigt. Er habe der ihm zuvor unbekannten Sitznachbarin in der First Class an die Brüste gegriffen und versucht, unter ihren Rock zu fassen. „Er war wie ein Oktopus. Seine Hände waren überall“, erklärte Leeds.
Trumps Prahlerei mit ungestraften sexuellen Übergriffen gegen Frauen, die anhand einer vorige Woche veröffentlichten Aufnahme aus dem Jahr 2005 weltweit bekannt ist, könnte ihn den Wettstreit um das Weiße Haus kosten. „Wenn du ein Star bist, lassen sie dich alles machen. Greif ihnen an die Möse. Du kannst alles machen“, sagte Trump damals, während er sich auf einen Gastauftritt in einer Seifenoper vorbereitete. „Weißt du, ich bin automatisch von attraktiven Frauen angezogen. Ich fange einfach an, sie zu küssen. Es ist wie ein Magnet. Einfach küssen. Ich warte nicht einmal.“
Der Bericht der „New York Times“ enthält auch die Schilderungen einer zweiten Frau, die angibt, von Trump sexuell genötigt worden zu sein. Rachel Crooks war 2005 eine 22-jährige Rezeptionistin der Immobilienfirma Bayrock Group, die im Manhattaner Trump Tower ihre Büros hatte. Eines Morgens traf sie Trump vor einem Aufzug. Sie schüttelte ihm die Hand, woraufhin er sie an sich gezogen und auf den Mund geküsst habe. „Ich war so erschüttert darüber, für wie unbedeutend er mich hielt, dass er sich so etwas erlauben zu können glaubte.“ Trump war damals frisch mit seiner dritten Gattin, dem slowenischen Fotomodell Melania Knaus, verehelicht.
Utah könnte kippen
Berichte wie diese wirken sich in Trumps ohnehin schwächelnden Umfragewerten verheerend aus. Seit der Debatte am Sonntag zeigt sich in allen landesweiten und auf Einzelstaaten bezogene Meinungserhebungen ein starkes Abnehmen seines Zuspruchs. Jeder fünfte Republikaner hält Trump wegen dessen Äußerungen über das Belästigen von Frauen für unqualifiziert, Präsident zu werden, ergab eine Umfrage von Reuters und Ipsos. Im von Real Clear Politics täglich erhobenen Durchschnitt aller seriösen Umfragen lag Clinton am Donnerstag mit 6,2 Prozentpunkten vor Trump; nimmt man den Libertären Gary Johnson und die Grüne Jill Stein in die Rechnung, beträgt der Abstand 4,6 Prozentpunkte.
Trump ist vor allem bei wertbewussten Konservativen so unbeliebt, dass erstmals seit dem Jahr 1968 das Rennen um Utah offen ist. In einer neuen Umfrage von Y2 Analytics liegen Trump und Clinton erstmals mit jeweils 26 Prozent gleichauf, der ehemalige CIA-Mann Evan McMullin, von Trump-feindlichen Republikanern als Alternative aufgestellt, hat hier 22 Prozent. Trump liegt zwar im Durchschnitt der Umfragen noch voran, doch dass er sich um diese konservative Bastion Sorgen machen muss, illustriert die Malaise.
Letzte Hoffnung WikiLeaks
Trumps Kampagne setzt nun darauf, möglichst viele Clinton-Wähler davon abzubringen, für die frühere Außenministerin, Senatorin und First Lady zu stimmen. Dabei setzt sie auf die täglichen Veröffentlichungen der Enthüllungsplattform WikiLeaks, die rund 50.000 E-Mails von Clintons Wahlkampfleiter John Podesta zugespielt bekommen hatte, die laut US-Regierungsangaben von russischen Hackern gestohlen worden waren. Die E-Mails geben Einblick in den oft nicht sehr erbaulichen Umgangston einer Wahlkampforganisation. Kriminelle oder politisch verfängliche Umtriebe haben sie bisher aber nicht offengelegt.
Zudem gelingt es Clinton, die Nähe zwischen WikiLeaks und dem Kreml negativ auf den betont russlandfreundlichen Trump abfärben zu lassen. Und wie eng WikiLeaks und der Kreml sind, zeigt der Umstand, dass der russische Propagandasender Russia Today am Donnerstag neue WikiLeaks-Enthüllungen ankündigte: Stunden, bevor WikiLeaks dies selbst tat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2016)