Kern: Drei-Tage-Woche mit vollem Lohnausgleich nicht zu schaffen

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Kern wiederspricht neuem Beamten-GewerkschaftschefAPA/HERBERT NEUBAUER

Der neue Beamtengewerkschaftschef Schnedl hatte eine einseitige Verkürzung der Arbeitszeit gefordert. Solche Versprechen seien für ihn Scharlatanerie, sagt Kern.

Der frischgebackene Beamten-Gewerkschaftschef Norbert Schnedl hat am Mittwoch im Gespräch mit der "Presse" mit der Forderung einer Arbeitszeitverkürzung auf 3,5 Tage die Arbeitszeitdiskussion wieder angeheizt. Im Interview mit dem "Kurier" präzisierte er, dass aus seiner Sicht die Verkürzung so stark wie möglich ausfallen solle und zwar mit vollem Lohnausgleich. Eine einseitige Arbeitszeitverkürzung auf drei Tage pro Woche bei vollen Lohnausgleich sei in einer globalisierten Welt realistisch nicht zu schaffen, replizierte Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) am Donnerstagabend bei einer Diskussion im Kreisky-Forum: "Jeder der ihnen das verspricht ist ein Scharlatan".

Schnedl will mit der Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich angesichts der Digitalisierung der Arbeitswelt die Verteilungsfrage neu stellen. Wenn es stimme, dass in den nächsten 15 Jahren bis zur Hälfte aller Jobs durch computerunterstützte Maschinen oder Software ersetzt werden, "dann muss man natürlich die Arbeitszeitverkürzung ansprechen", so Schnedl.

Am Mittwoch hatte ÖBB-Aufsichtsratschefin Brigitte Ederer gesagt, sie glaube, dass Kollektivverträge und fixe Arbeitszeiten der Vergangenheit angehören. Menschen würden heutzutage dann arbeiten, wann sie Zeit haben und dort, wo sie gerade sind. Der Acht-Stunden-Tag sei überholt, so Ederer weiter. Die Gesellschaft werde sich insgesamt in Richtung Individualisierung bewegen.

"Jeder mit einem Schreibtisch sei gefährdet"

Auch Kern verwies darauf, dass "die Mischung aus Digitalisierung, Technologieentwicklung und Globalisierung dazu führen wird, dass sich die wirtschaftlichen Sektoren massiv verändern werden". Schon heute gingen viele Menschen nicht mehr in die Bank oder in die Buchhandlung. "In Wahrheit ist jeder der einen Schreibtisch vor sich hat, potenziell eine gefährdete Spezies." Das treffe die einfachen Tätigkeiten in der Industrie am wenigsten.

Kern glaubt aber nicht, dass die Arbeit in der Gesellschaft ausgehen wird, in Sektoren wie der Gesundheit würden Jobs entstehen. Man müsse aber die Digitalisierung managen, damit es nicht zu einer Umverteilung von unten nach oben kommt. "Wir werden die Technologie nicht in eine Box stellen, zusperren und auf den Dachboden räumen, so wird das nicht gehen", sagte Kern.

DIM-Chef: "Jobprofil ändert sich massiv"

Deutlich optimistischer war Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), in der Diskussion mit Kern. Schon seit 50 Jahren werde gesagt, dass es nicht genug Arbeit gibt und dass die Menschen weniger arbeiten müssen. "Ich glaube, wir werden nie einen Rückgang der Arbeit sehen. Denn solange der Mensch kreativ ist, Wille hat etwas zu tun, wird es Wachstum geben und Arbeit geben." Allerdings werde sich das Tätigkeitsprofil massiv ändern, kreative Arbeit werde gefordert sein - und man müsse darauf Rücksicht nehmen, dass die Menschen unterschiedlich lange arbeiten wollen.

(APA)