Smart Home: Berlin probt Wohnbau der Zukunft

Demografischer Wandel, Energieeffizienz und Sicherheit sind Fragen, die Planer und Architekten beschäftigen. Ein Pilotprojekt in Berlin zeigt mögliche, auch digitale Antworten.

Nicht nur Handys und Fernseher, sondern auch Gebäude und ganze Städte sollen in Zukunft smart werden, um den Herausforderungen des demografischen Wandels und der ökologischen Anforderungen gerecht zu werden. Was das für einen Stadtteil bedeutet, will das Pilotprojekt Future Living Berlin demonstrieren, das von der Wohnungsgesellschaft GSW Sigmaringen und der Unternehmensgruppe Krebs umgesetzt wird. Ab 2017 sollen in Berlin-Adlershof 69 Wohneinheiten entstehen. Zusätzlich will man in 19 Boarding House Studios und einer Ausstellung Interessierten Smart-Living-Szenarien näherbringen.

Vorbild in Japan

Die technologische Expertise steuert Panasonic bei. Das Unternehmen, das auch in der Gebäude- und Energietechnik ein namhafter Player ist, hat bezüglich Smart City in Japan bereits Erfahrungen gesammelt. Vorreiter und großer Bruder des Berliner Projekts ist die Sustainable Smart Town in Fujisawa auf einem ehemaligen, 200.000 m2 großen Panasonic-Firmengelände. Ziel des 2014 gestarteten Projekts ist, ähnlich wie in Berlin, Wohnformen für eine alternde Gesellschaft zu entwickeln. Zudem sollte die für 3000 Bewohner geplante Siedlung – auch unter dem Eindruck von Fukushima – möglichst autark sein. Dank Fotovoltaik, Brennstoffzellen und Akkus ist sie drei Tage lang vom öffentlichen Netz unabhängig.
Auch in Berlin setzt man auf Fotovoltaik. Geheizt und gekühlt wird mit effizienten Wärmepumpen. „In Summe wird der Gebäudekomplex sogar Energie produzieren“, berichtet der D-A-CH- und NL-Chef von Panasonic, Christian Sokcevic im Gespräch mit der „Presse“. Die zur Speicherung der Sonnenenergie genutzten Akkus reichen für eine Stunde Spitzenlast und sollen in Kooperation mit dem Energieanbieter Lastspitzen im Stromnetz abfedern. „In Japan ist der Katastrophenschutz wesentlich, in Europa steht die Ökologie im Vordergrund“, so Sokcevic.
Gemeinsam ist beiden Projekten die soziale Komponente. Die Bewohner in Berlin werden dem demografischen Mix der deutschen Gesellschaft entsprechen. Gemeinschaftseinrichtungen und Nahversorgung sind ebenso geplant wie Stellplätze für Carsharing. Neben den baulichen Gegebenheiten gehören laut Sokcevic auch neue, noch zu entwickelnde Dienstleistungen zum Gesamtkonzept. Ein Beispiel aus Fujisawa wären Gemeinschaftskühlschränke für Lebensmittelzustellungen.
Weiterer wesentlicher Aspekt ist für Sokcevic die Sicherheit. Etwa Kameras zur (Verkehrs-)Überwachung und Zutrittskontrollen per Gesichtserkennung. Auch innerhalb der Wohnungen sollen Sensoren – von Kameras sieht man hier lieber ab – das Leben sowohl leichter als auch sicherer machen. Die smarte Wohnung warnt nicht nur bei offen gelassenen Fenstern oder undichten Wasserhähnen, Bewegungsmelder und Sensoren, die Puls und Körpertemperatur erfassen, können gesundheitliche Probleme der Bewohner erkennen und entsprechende Maßnahmen einleiten. „Hier ist eine individuelle Anpassung an die Bedürfnisse und die Lebensumstände entscheidend für die Akzeptanz. Es können nicht alle in einen Raster gesteckt werden“, weiß Sokcevic. Der Großteil der häuslichen Intelligenz soll unbemerkt im Hintergrund agieren und sich selbstlernend auf die Bewohner einstellen. Das dazu notwendige Know-how will Panasonic im Rahmen einer Kooperation mit IBM und deren Supercomputer Watson weiterentwickeln.
Was an Technik in den Wohnungen eingebaut wird, ist im Detail noch offen. Fest steht für Sokcevic, dass die Vernetzung das A und O ist – auch um Nutzung und Energieverbrauch zu messen und für die Bewohner zu visualisieren. Vernetzte Geräte wie Herd, Kühlschrank und Waschmaschine werden daher nach dem Motto „Nutzen statt Besitzen“ bereitgestellt werden.
Was die Zukunft von Smart Home betrifft, so sind für Sokcevic aber herstellerübergreifende Standards unverzichtbar. Nur so könnten Stakeholder aus verschiedensten Bereichen wie Consumer Elektronik, Gebäudetechnik und Automotive unter einen Hut gebracht werden. Auch wenn die Consumer-Elektronik im Gesamtkonzept nur den kleineren Teil ausmacht, spielt sie für den Experten wegen ihrer Nähe zum Kunden bei Smart Home eine Schlüsselrolle.

Future Living Berlin. Smart-Home-Projekt von GSW Sigmaringen und der Unternehmensgruppe Krebs, bei dem Panasonic als Technologiepartner fungiert. Errichtet werden 69 Wohnungen sowie eine Ausstellung und 19 Studios zur Demonstration von Smart-Living-Szenarien. Neben Smart-Home-Ausstattung ist ein fortschrittliches Energiesicherheits- und Community-Konzept geplant. Gesamtfläche 6000 Quadratmeter. Baubeginn ist 2017.


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