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Was, wenn die Automaten keine neuen Jobs schaffen?

Die Konturen eines neuen Megaproblems sind bereits deutlich erkennbar. Aber die Politiker betätigen sich als Beschwichtiger.

Bis zum Ende des Jahrhunderts wird es überintelligente Maschinen geben und Millionen von überflüssigen Menschen.“ Das Diktum des luxemburgischen Physikers und Wissenschaftspublizisten Ranga Yogeschwar drückt in knappster Form die Meinung so ziemlich aller Experten aus, die sich mit Robotertechnik, Digitalisierung und Automatisierung befassen.

Zur Erinnerung: In den USA sind nach einer Studie der Universität Oxford 47 Prozent der Arbeitsplätze mit dem Risiko behaftet, schon bald von Computern verdrängt zu werden. Welche Schubkraft an neuem Wissen ganz allgemein hinter den modernen wirtschaftlichen und sozialen Prozessen steckt, lässt eine Prognose des namhaften deutschen Technologen Jürgen Schmidhuber erahnen. Seinen Worten nach wird es nicht mehr lang dauern, bis auf einem kleinen Computer die Rechenkraft von zehn Milliarden Menschenhirnen versammelt ist. In solchen Sachverhalten manifestieren sich zugleich die neuen, großen Sozialprobleme unserer absehbaren Zukunft. Ihre Dimension und ihre Brisanz wird von der Politik entweder noch nicht erkannt oder aber verdrängt und verschwiegen.

 

Vom eigenen Wissen überrollt?

Außer Zweifel ist indes, dass die zunehmende Verlagerung der menschlichen Leistungen auf maschinelle Intelligenz der Gesellschaft und der Arbeitswelt im Guten wie im Schlechten ein völlig verändertes Gesicht verleihen wird. Wir stehen am Beginn eines Paradigmenwechsels.

Was wir jetzt erleben, ist eine zweite Spielart der Aufklärung, die sich jedoch unter anderen Rahmenbedingungen vollzieht als die des 17. und 18. Jahrhunderts. Die erste Aufklärung war geprägt vom Ruf nach Vernunft. Sir Francis Bacons Leitsatz lautete: „Wissen ist Macht.“ Immanuel Kant forderte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

Begleitet wurde die erste Aufklärung von einem Abbau des Christentums. „Christus selbst“, vermerkte der Historiker Walter Görlitz, „wurde nur als einer unter vielen Religionsstiftern betrachtet.“ Der französische Philosoph Denis Diderot erklärte im 18. Jahrhundert: „Ein vernunftbegabter Mensch benötigt weder Gottes Weisheit noch Gottes Güte.“ Die erste Aufklärung war also verkettet mit einem Verzicht auf Moral.

Das ist jetzt nicht viel anders. Die möglichen Folgen einer solchen Entwicklung sind in unserem Zeitalter jedoch ungleich dramatischer. Die Vision steht urplötzlich im Raum, dass wir von den Ergebnissen unseres eigenen Wissens überrollt werden. Wenn in der ersten Aufklärung das Verlangen nach Vernunft und Erkenntnissen die Szene beherrschte, müssen wir uns in der zweiten fragen, ob wir die Folgen des von uns geschaffenen Wissens überhaupt noch im Griff haben. Einstweilen darf man sich noch an den Gedanken klammern, dass das tatsächliche Entstehen künstlicher Intelligenz samt autonomer, ungebremster Entscheidungen der Roboter letztlich eine Utopie bleiben wird.

Allerdings zeichnet sich bereits ein anderes Dilemma ab, das schwer genug zu lösen sein wird. Es ist mit dem Stigma des Klassenkampfes behaftet, denn: Zum einen ist der pausenlose Zuwachs von Wissen sowie die Entwicklung raffinierter Technologien lebensnotwendig, um international wettbewerbsfähig zu bleiben und insofern zu bejahen. Zum anderen vernichtet die Ökonomie des Fortschritts die traditionellen Arbeits-plätze.

Arbeit hatte im Verlauf der Menschheitsgeschichte einen unterschiedlichen Stellenwert. Im Alten Testament belegt Gott den ungehorsamen Adam mit der Verdammnis: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dir dein Brot verdienen.“ Arbeit galt im urchristlichen Sinne also als eine Strafe. Heute ist sie ein moralisches Postulat.

 

Neuauflage einer alten Frage

In den meisten Verfassungen wird Arbeit zwar nicht als einklagbares Recht, wohl aber als ein Programmsatz festgehalten. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen verpflichtet die Staaten, ihre Politik auf das Erzielen von Vollbeschäftigung auszurichten, um so eine bestehende Arbeitslosigkeit zu verringern und eine neue möglichst zu verhindern.

Wie aber lässt sich die Vorgabe der Menschenrechtsdeklaration unter den heutigen Rahmenbedingungen erfüllen? Man kann es drehen, wie man will: Wir werden einer Neuauflage der Frage, ob die künftigen Problemstellungen mit wirtschaftsliberalen oder eher mit marxistischen Prinzipien bewältigbar sind, kaum ausweichen können. Zu klären ist, ob das Heil der morgigen Gesellschaft in selbsttätigen Mechanismen des Marktes und in möglichst großen Freiräumen für das privatwirtschaftliche Handeln, oder aber in regulierenden Eingriffen des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft liegt.

 

Sozialsystem nicht vorbereitet

Gewiss ist lediglich, dass unser Sozialsystem nicht auf den kontinuierlichen Verlust von überflüssig gewordenen Arbeitsplätzen vorbereitet ist. Es ist für die Politik hoch an der Zeit, sich der Sprengkraft dieser Probleme bewusst zu werden. Kennzeichnend für die gegenwärtige Szene sind flammende Appelle zu mehr naturwissenschaftlicher Bildung und Innovationsfreudigkeit zum Wohle von wirtschaftlichem Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Wer der imperativen Forderung nach Digitalisierung nicht vorbehaltlos zustimmt, bekommt ohne viel Federlesens sogleich den Stempel der Rückwärtsgewandtheit und Fortschrittsfeindlichkeit aufgedrückt.

Das wertfreie Nachdenken über die gesellschaftsverändernden Folgen des Fortschritts und mögliche Fehlentwicklungen unterliegt einem stillschweigendem Tabu. Die vagabundierende Scheu vor der Sturzflut kaum noch überschaubarer technologischer Entwicklungen hat keine Advokaten.

Was die Politiker betrifft, so machen die sich vor allem als Beschwichtiger von Ängsten, nicht aber als Zukunftsgestalter bemerkbar. Charakteristisch dafür ist eine Aussage des oberösterreichischen ÖVP-Politikers Thomas Stelzer. Er meint, ein „anything goes“ sei vermeidbar und kündigt Grenzen in der Forschung an, die der Mensch ziehen werde.

Seine Botschaft lautet: „Wir selbst bestimmen, welchen Fortschritt wir wollen.“ Als ob sich die Wissenschaft jemals an Begrenzungen gehalten hätte. Stelzers Formel ist übertragbar auf das Denken der meisten Vordenker und Strategen in den Parteizentralen, in den Kammern und Gewerkschaften.

 

Abschiedstournee der Mitte

Plattitüden dieser Art beantworten leider nicht, was zu tun ist, wenn die Automaten keine neuen Jobs schaffen; sie vernebeln, wie die Existenz der überflüssig werdenden Arbeitskräfte gesichert werden kann; und sie sagen nicht, aus wessen Tasche das Geld für deren Unterhalt kommen soll.

Übrigens: Wo bleibt in der immer bipolarer werdenden Gesellschaft die staatstragende soziale Mitte? Sie rüstet sich bereits zu ihrer Abschiedstournee.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR




Andreas

Kirschhofer-Bozenhardt war Journalist in Linz, ehe er 1964 in die empirische Sozialforschung wechselte. Er war Mitarbeiter am Institut für Demoskopie Allensbach und zählte dort zum Führungskreis um Professor Elisabeth Noelle-Neumann. Ab 1972 Aufbau des Instituts für Markt- und Sozialanalysen (Imas) in Linz. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2016)