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Immer einen Snap voraus: Ein Leben im Social Web

Nina Radman
Nina RadmanBerries & Passion
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Lifestyle-Bloggerin Nina Radman tritt in sozialen Netzwerken mit ihren Lesern ganz unterschiedlich in Kontakt. Offline-Zeiten sind dabei rar.

Komisch sieht es schon aus, wenn Nina Radman vulgo Berries & Passion ihr Telefon wie einen Spiegel vor sich hält und im Gehen lebhafte Gespräche mit ihrer Hand führt. Sie schießt keine Selfies, sondern Snaps. Kurze, wackelige Videos, ganz nah am Menschen, ganz tief aus dem Alltag. Die 27-jährige Radman ist seit eineinhalb Jahren Vollzeit-Bloggerin, um Reichweite für ihre Geschichten zu generieren, muss sie auf den großen Kanälen, die das soziale Netz zur Verfügung stellt, vertreten sein.

„Hauptaugenmerk liegt natürlich auf meinem Blog, weil der sozusagen mein Baby ist und hier kein Unternehmen wie bei Instagram dahintersteht.“ Die anderen Plattformen braucht sie, um die Leser auf ihre Mode-Essens-Lebensinhalte zu lotsen. Und da gibt es neben Facebook, Instagram, Twitter, Pinterest und YouTube jetzt eben auch die Video-App. Snapchat ist der jüngste Programmpunkt in ihrem Tagesablauf, die Kamera-App nutzt sie meistens, wenn sie unterwegs ist oder etwas zu erzählen hat. Was hier publiziert wird, entscheidet sie spontan nach Bauchgefühl.

Heinz Wittenbrink, er unterrichtet an der Grazer FH Joanneum Journalismus und PR und ist Studiengangsleiter des Master-Lehrgangs Content Strategy, beschäftigt sich schon lang mit Erscheinungen des sozialen Internets. Er weiß, dass bei Snapchat und anderen Live-Video-Streaming-Diensten, wie YouTube Live und Facebook Live, die Nähe eine wichtige Rolle spielt. „Snapchat ist eher ein Ersatz für das Fernsehen“, analysiert er. Was Snapchat macht, ist, die unmittelbare Nähe zu anderen auf mobile Plattformen zu übertragen. „Es geht um das Live-Element, eine Qualität des frühen Fernsehens.“ Dass das Video dabei schnell nebenbei gedreht wird, schadet nicht, im Gegenteil. „Die erfolgreichsten Videos von Jamie Oliver zum Beispiel sind die, die er selbst aus der Hand filmt, während er mit der anderen kocht. Das kommt besser an als jedes gestylte Kochvideo“, erzählt Wittenbrink. Snapchat ist damit auch ein scharfer Konkurrent von Instagram, die soziale Fotosammlung, die aus jedem einsamen Herbstspaziergang den Schein des schönen Lebens filtert.

All diese Kanäle und ihre inhaltlichen wie ästhetischen Anforderungen zu erfüllen kann für einen Blogger stressig werden, das weiß Nina Radman. „Es ist nicht immer leicht, alles unter einen Hut zu bringen. Ich bin ein Einzelunternehmen und mache alles selbst, deshalb muss auch jeder Schritt gut organisiert sein. Wobei es kein Drama ist, wenn einmal auf einem Kanal weniger passiert, dann holen sich die Leser ihr Update woanders.

Messenger-Formate als Vorbild

Ihre großen Geschichten erzählt sie noch immer auf ihrem Blog Berries & Passion, das macht die meiste Arbeit. Ein Beitrag kann bis zu vier Stunden in Anspruch nehmen. Auf Snapchat streut sie zwischendurch ein paar Erlebnisse ein, um „die Leser live mitzunehmen. Instagram ist für mich die schöne Welt, wo man inszenierte Fotos teilt.“ Geht es nach Wittenbrink, könnte sie bei Twitter vielleicht Zeit einsparen. Dass wir diesen Dienst in den nächsten Jahren beerdigen werden, schließt er nicht ganz aus. Facebook wird sich halten, davon ist er überzeugt. Prognosen sind aber immer schwierig.

„Die spannendsten Geschichten sind derzeit Messaging-Formen, bei denen man mit unterschiedlichen Services in Kontakt tritt. Wechat zum Beispiel wird massenhaft in China genutzt und gilt aktuell als Vorlage, auch bei Facebook.“ Blogs hätten trotz des sozialen Angebots auch nicht ausgedient. „Das Ganze differenziert sich aber. Es gibt die Tendenz zum ganz kurzen, wie zum Messenger, aber auch zum Longform-Content. Bleibt noch die Frage, ob es bei all den neuen Entwicklungen auch noch Offline-Zeiten für Vollzeit-Blogger gibt? „Wenige, aber sie sind vorhanden. Ich stelle mir täglich den Wecker für 19 Uhr, danach wird der Computer abgedreht“, gibt Radman zu. Das Handy wegzulegen ist schon schwieriger.


Hinweis: Heute findet im Park Hyatt Vienna die Blogger-Konferenz Fashion Camp statt.

Ein Mustertag auf Social Media

9 Uhr: Blogeintrag geht online 10 Uhr: Facebook-Eintrag mit Bloginhalt 10.03: Guten Morgen via Snapchat 10.35: Instagram-Selfie 11.01:Snapchat-Update von einer Pressereise 12.14:Instagram-Foto von einem neuen Look, der im Blog ist 15.04: Twitter-Update mit Infos zu einer Pressereise und Aufforderung, auf Snapchat vorbeizuschauen 16.45: Instagram-Bild vom Nachmittagskaffee 17.00, 19.23, 22.07: Snaps über die Tages-Updates, das Abendessen und gute Nacht.

www.berriesandpassion.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2016)