Es gibt keine Dunkelkammern oder Filme mehr, denn Internet und Remote-Cameras haben diese Branche revolutioniert. Franz Pammer über Geld, Wandel – und Folgen.
Fotografie ist eine Leidenschaft – und trotzdem ist nicht jedes digitale Bild automatisch gut. Die breite Masse, die Schwemme, macht es nicht besser, die Auswahl wird schwerer. Wie das Bild entstanden ist, interessiert heute keine Sau mehr. Hauptsache, es ist da – vor allen anderen.“ Als Fotograf zu arbeiten war früher eine Pein, doch stets eine hohe Kunst. Und früher, sagt Franz Pammer, einer der besten Sportfotografen des Landes, sei er täglich in die Redaktionen gepilgert. Mit einem dicken Packerl Fotos unterm Arm, die er noch in der Nacht, in stundenlanger, mühsamer Tortur entwickelt hat.
Man kannte sich, sprach mit Kollegen, wurde vorstellig, war unterwegs, bot an, wurde angeheuert. So hätte es jeder andere Fotograf im ganzen Land gemacht, wenn er seine Bilder in der Zeitung sehen, wenn er Geld verdienen wollte. Oft war es der Fall, dass man „Bilder zum Kilopreis“ per Bahn verschickt habe, um Mitternacht, damit sie in der Früh in den Büros lagen. Fotografen mussten nicht nur das Equipment und gute Ideen haben, sondern vor allem „den Transfer der Bilder erst checken“. Das ist aber auch heute noch so. Egal, ob der Kunde eine Zeitung, ein Magazin, eine Agentur wie APA, AP oder Reuters ist.
20 Bilder von jedem Tor
Gefühlte 40 Jahre später habe Pammer, der mit Ingrid Gerencser Mitte der Achtzigerjahre die Agentur Gepa-Pictures in Graz aufgebaut hat, während eines Fußballspiels oder bei einem Formel-1-Rennen kaum noch Zeit nachzudenken. Nicht nur ein passables Foto müsse dann schon in den Redaktionen sein, sondern eine Heerschar.
Schneller, besser, bunter, schärfer – „und noch einmal, vor allem wegen der Onlinemedien: am besten Stunden vor der Konkurrenz“. 20 Minuten nach dem Spiel ist jeder Zug längst abgefahren, 20 Bilder brauche man von jedem Tor oder wirklich bitterbösen Foul.
Die Digitalisierung des Fotogeschäfts sei ein Segen, zugleich aber auch ein Fluch. Die Arbeit gelinge „weitaus schneller, simpler“, sagt Pammer. „Der Verlust der Dunkelkammer, der Briefmarken und des Fahrradls brachte viel Zeit – doch du verlierst sie wieder, weil du schneller sein musst. WLAN, Internet, JPG-Format, hochaufgelöst, editiert. Da darfst ned brodeln.“
Waren es früher zwei, maximal drei Bilder von einem Länderspiel, sind es in der Gegenwart gewiss Hunderte. Online abrufbar in der Sekunde nach dem Torjubel, im Schnitt schaffe Gepa täglich knapp 1000Fotos, rechnet Pammer stolz vor. Aus einem Zweimannbetrieb wurde nach Jahrzehnten harter Arbeit eine Firma, die weltweit Kunden betreut, Partner besitzt und 25 bis 30 freie Mitarbeiter beschäftigt.
Mit Zeitungsfotos allein aber wäre das Business nicht mehr zu bestreiten. Das sei aber der „Negativscanner“ als Evolution des Walzenlichtstiftsystems statt des Bildfunksenders auch nicht wert gewesen, erinnert sich Pammer an die erste Evolutionsstufe und nennt 360.000Schilling, „eine Horrorsumme“, die man in den 1990er-Jahren dafür als Kredit nehmen musste. Gemacht und gewagt habe man es trotzdem.
Durch die Digitalisierung habe sich das Geschäft aber vollends gewandelt. Bilder wurden billiger, Fotografen kamen, gingen, „sie wurden wegdigitalisiert“, scherzt der Steirer, der seit seinem 18. Lebensjahr fotografiert und den Beruf als Verkäufer heute in ganz anderer Form ausüben muss. Bei Sponsoren, Sportartikelherstellern, Konzernen, Vereinen, Medien – er verkauft Bilder auch vorab. Ob einst Jugoslawien-Krise, Chronik-Aufträge etc. oder seit 1992 nur noch Sport – es geht um sehr viel Geld.
Ausrüstung für 40.000 Euro
„Heute ist alles nur noch digital“, sagt Pammer. Ein Hauch Wehmut klingt da zwar schon durch, doch die Option wieder „mit so viel Glumpert“ wie früher auszurücken, sei weder verheißungsvoll noch erstrebenswert. Da habe man es nun weitaus angenehmer. Und, manch Remote-Camera brauche ja nach der Installation des WLAN-Hotspots mit dem Smartphone keine weitere „menschliche Einflussnahme“. Sie stünden dann allein, dicht aufgefädelt, gedrängt nebeneinander, hinter dem Tor oder der Ziellinie bei einem 100-Meter-Lauf. Mehrere hunderttausend Euro diverser Agenturen und Fotografen thronen da, es klicke in einer Tour – „alles automatisch, weit und breit kein Kabel mehr“. Und ehe der erste Jubel verstummt, ist das JPG schon geschickt.
Pammer begann mit einer Canon AV1, einer kleinen Spiegelreflexkamera. Nun verwendet er eine 1DXMarkII (5400 Euro, nur das Gehäuse), dazu kämen FD-Objekte ab 400 (bis 800) Millimetern, es gehe „um Lichtstärke, Nähe, Farbe – das Vollbild“. Das habe aber seinen Preis: ab 11.000 Euro aufwärts. Dass die Ausrüstung eines Sportfotografen gut 40.000 Euro teuer sein kann, ist keine Seltenheit. Umso mehr ein schmerzhaftes Erlebnis, wenn sie wie bei Olympia in Rio de Janeiro gestohlen wird.
Durch die Technik hat sich nicht nur die Arbeitsweise verändert, sondern auch die Orte. Dass man in eiskalten Sporthallen das Herren-WC nicht mehr in Dunkelkammern verwandeln und „mit eiskalten Fingern die Chemie“ für Filme, Scanner etc. bedienen müsse, sei der größte Gewinn. Die Arbeit sei auch rund um die Uhr zu bewundern, „wir haben 4,15 Millionen Fotos in unserem Onlinearchiv!“ Auch lebe man als Fotograf nun gesünder, „weil wir nicht mehr in der Kurve sitzen, in die das Auto bei der Monte-Carlo-Rallye donnert, oder in dem Vogelhäuschen kauern müssen, in das ein absolut patscherter Skifahrer hineinfährt.“
Alles in seiner Branche wurde schneller und bequemer, damit sank aber die Qualität. Die Bilderschwemme dokumentiert es. Franz Pammer sagt: „Wie man das Foto geschossen hat, interessiert heute nicht mehr. Hauptsache, das Bild ist längst im Redaktionssystem.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2016)