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Weißes Haus in Frauenhand

USA WOMEN IN THE WORLD SUMMIT
Hillary Clinton vergangenes Jahr beim Women in the World Summit in New York.JASON SZENES / EPA / picturedesk.com
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Donald Trump könnte mit seinem vulgären Sextratsch vier Wochen vor der US-Wahl 2016 seiner Gegnerin Hillary Clinton den Sieg geschenkt haben. Denn sein ohnehin schwacher Rückhalt bei Frauen bricht auf einen Rekordtiefststand ein.

Aleidra Allen ist eine jener jungen Frauen aus der Generation Y, von denen es gut ein Jahr lang hieß, dass Hillary Clinton bei ihnen keine Chance habe.

Die 27-jährige Afroamerikanerin leitet das Programm für multikulturelle Bildung an der Saint Louis University, und sie nimmt es der früheren First Lady, Senatorin und Außenministerin noch immer übel, in den 1990er-Jahren die harte Justizpolitik ihres Gatten Bill Clinton unterstützt zu haben. Damit hätten die Clintons zur ungerechtfertigten massenhaften Kriminalisierung junger Schwarzer beigetragen, sagt Allen im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Doch dann wischt Allen die grundlegenden Bedenken gegen die Kandidatin Clinton mit einem Verweis auf deren Konkurrenten beiseite: „Was soll's, das war 1996. Menschen wachsen und lernen. Ich werde für sie stimmen, denn ich könnte niemals rechtfertigen, Donald Trump meine Stimme zu geben. Seine Kommentare werden immer schlimmer, er hört nicht auf, allerlei Gruppen zu beleidigen und auszugrenzen.“

Clinton gegen Trump, das ist die Wahl zwischen den beiden unbeliebtesten Kandidaten um die amerikanische Präsidentschaft seit langer Zeit. Doch der Umstand, dass bei Meinungsumfragen jeweils rund zwei Drittel der Teilnehmer erklären, keinen der beiden vertrauenswürdig zu finden, tritt mit dem Näherrücken des Wahltages zügig in den Hintergrund. Denn mit jedem Tag treten die charakterlichen Profile der beiden Anwärter auf das Weiße Haus deutlicher zu Tage. Clinton wird zwar täglich mit neuen, bisweilen recht peinlichen Einblicken in das Getriebe ihrer Wahlkampagne konfrontiert, indem die Enthüllungsplattform WikiLeaks von russischen Hackern gestohlene E-Mails ihres Wahlkampfleiters John Podesta veröffentlicht.


Clinton meilenweit vor Obama. Doch die „Podesta Mails“ verblassen in ihrer Skandalträchtigkeit angesichts der sich täglich mehrenden Zahl von Frauen, die Trump sexueller Nötigungen bis zurück in die späten 1970er-Jahre beschuldigen, und angesichts der zusehends enthemmten Wutausbrüche Trumps. Diese fanden am Freitag ihren bisherigen Tiefpunkt darin, dass der Republikaner bei einer Kundgebung in North Carolina erklärte, diese Frauen würden sich damit, dass sie sich als angebliche Opfer seiner sexuellen Belästigungen präsentierten, bloß kurzfristige Medienaufmerksamkeit sichern.

Mit solchen Meldungen verbrennt Trump seine Chancen bei der wichtigsten Wählergruppe, die er eigentlich für sich gewinnen müsste, um Clinton zu schlagen: weiße Frauen mit Hochschulabschluss.

Beispiel Pennsylvania: In den vier Wahlbezirken rund um Philadelphia, in denen 22 Prozent aller Wähler (und viele gebildete Frauen) dieses Schlüsselstaates leben, schlägt Clinton Trump bei allen Frauen laut neuer Umfrage von Bloomberg News mit 67 zu 24 Prozent. Dieses rekordverdächtige Abschneiden Clintons bei ihren Geschlechtsgenossinnen erklärt, wieso sie in diesen wichtigen vorstädtischen Bezirken in Summe 28 Prozentpunkte vor Trump liegt – ein Vorsprung, der derzeit um 18 Punkte größer ist als das dortige Ergebnis von Präsident Obama bei seinem Wahlsieg in Pennsylvania vor vier Jahren.

Nächstes Beispiel: Michigan. In diesem von der Abwanderung industrieller Unternehmen geplagten Staat hoffte Trump, mit seiner Botschaft eines protektionistischen „Amerika zuerst“-Nationalismus punkten zu können. Doch Clinton liegt im Durchschnitt der jüngsten Umfragen 10,7 Punkte vor ihm, und anhand einer dieser Erhebungen, jener im Auftrag der „Detroit News“, lässt sich sein Problem veranschaulichen. Hier liegt Trump in Summe mit elf, bei Frauen jedoch mit 23,4 Prozentpunkten hinter Clinton. Ein Negativrekord, der auch republikanische Kandidaten für den Kongress nach unten ziehen könnte, sagt Richard Czuba von der Glengariff Group, dem für diese Erhebung zuständigen Umfrageinstitut. „Donald Trump macht es für Frauen zusehends schwer, sich als Republikanerinnen zu sehen.“

Drittes Beispiel für den enormen Rückstand Trumps bei Amerikas Frauen: Florida, der vermutlich wichtigste Staat bei dieser Wahl. Verliert Trump hier, ist ihm der Weg ins Weiße Haus praktisch verwehrt. Anfang September, also vor der Veröffentlichung der Aufnahmen von Trumps derbem Prahlen über seine geschlechtlichen Übergriffe auf verheiratete Frauen, lag Clinton laut Umfrage der Quinnipiac University bei ihren Geschlechtsgenossinnen mit 56 zu 36 Prozent voran. Trumps Vorsprung bei den Männern betrug ähnlich hohe 58 zu 36 Prozent. In Summe ergab dieses Stimmungsbild aus dem „Sunshine State“ ein Patt von 47 zu 47 Prozent. Wenn sich Trumps Sextratsch und die zahlreichen Belästigungsanklagen gegen ihn ähnlich stark auswirken wie in den anderen Teilstaaten, dann ist nicht mehr vorstellbar, wie er Florida und seine 26 Wahlstimmen gewinnen kann.


Weiße Arbeiterinnen. Doch Trump fällt nicht nur bei akademisch qualifizierten Frauen weit zurück. Auch in seiner Kerngruppe, der weißen Arbeiterklasse, verliert er bei den Frauen überraschend viel Rückhalt. Im August lag Trump in einer Umfrage von „Washington Post“ und ABC News bei weißen Arbeiterinnen um zwölf Punkte vor Clinton. Weiße Männer mit bestenfalls einem Pflichtschulabschluss waren klar in Trumps Lager, sein Vorsprung betrug bei ihnen 40 Prozent. Doch nach Bekanntwerden von Trumps vulgärem Sextratsch begann die Einstellung der weißen Arbeiterschicht Amerikas rasant auseinanderzuklaffen. In der ersten Erhebung seither, durchgeführt vom Public Religion Research Institute (PRRI) in Washington, lag Trump bei den männlichen Arbeitern mit 43 Prozent weiterhin klar voran. Doch bei den Arbeiterinnen hatte Clinton mit ihm gleichgezogen.

Die Abwanderung der weißen Arbeiterklasse von den Demokraten zu den Republikanern ist in erster Linie kulturell und gesellschaftspolitisch bedingt. Gewiss: Die demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt und Lyndon B. Johnson hatten in den 1930er- und 1960er-Jahren enorme sozialpolitische Reformen zu ihren Gunsten eingeführt, von der Einführung einer staatlichen Grundpension (Social Security) bis zur Sicherung einer Basisgesundheitsversorgung (Medicare, Medicaid). Doch Johnsons Einsatz für die Gleichberechtigung der Schwarzen und die Emanzipationsbewegung der 1960er-Jahre stieß vielen traditionellen weißen Männern übel auf. John F. Kennedy im Jahr 1960 und Johnson vier Jahre später erhielten noch jeweils rund 55 Prozent der Stimmen weißer Arbeiter. In den zwei Wahlen danach, die Richard Nixon ins Weiße Haus brachten, waren es nur mehr 35 Prozent. Ronald Reagan vollendete den Anhängerwandel: Rund 61 Prozent der Weißen ohne Collegeabschluss stimmten bei den Wahlen der Jahre 1980 und 1984 für ihn.

Daran hat sich seither einiges geändert. Der Vorsprung republikanischer Kandidaten bei weißen Arbeiterinnen schrumpft. Mitt Romney lag vor vier Jahren bei ihnen noch mit 20 Prozentpunkten vor Präsident Obama. Dieser Vorsprung war, wie geschildert, schon vor den Enthüllungen von Trumps Umgang mit Frauen nur mehr halb so groß. Und sollte sich der zitierte Befund des PRRI am Wahltag bestätigen, lägen Trump und Clinton bei den weißen Arbeiterinnen Kopf an Kopf.

Clintons wachsender Vorsprung bei den Frauen ist umso bedeutsamer, als die Amerikanerinnen signifikant verlässlicher zu den Urnen schreiten als ihre männlichen Landsleute. Eine Studie des Center for American Women and Politics an der Rutgers University in New Jersey zeigt, wie sich dieser Spalt seit einem halben Jahrhundert immer weiter öffnet. 1964 gingen 39,2 Millionen Frauen und 37,5 Millionen Männer zur Wahl. 2012 waren es 71,4 Millionen Frauen und 61,6 Millionen Männer. Mehr Frauen, die wählen, und unter ihnen eine wachsende Mehrheit für Clinton: Wie Trump diese arithmetischen Tatsachen überwinden will, ist unklar.


Auch Junge stützen Clinton. Denn so oft er auch jene angebliche „schweigende Mehrheit“ beschwört, die in seinem Lager steht, gibt es nicht genug zornige weiße Männer ohne höhere Ausbildung in den USA, um ihm die Schlüssel für das Weiße Haus zu reichen. Stattdessen hat Trump es sich auch mit einer klaren Mehrheit der jungen Amerikaner verscherzt – jener Generation Y, die heuer die Babyboomer überholt hat und erstmals die größte Altersgruppe unter allen Wahlberechtigten stellt.

Laut Umfrage von Ipsos Public Affairs im Auftrag der Zeitung „USA Today“ liegt Clinton bei den 18- bis 34-Jährigen mit 56 zu 20 Prozent vor Trump. Auch 72 Prozent der Anhänger des sozialistischen Senators Bernie Sanders, der Clinton in den Vorwahlen gehörig eingeheizt hatte, erklären nun, Clinton unterstützen zu wollen. Das klingt nicht viel, aber man muss bedenken, dass viele Sanders-Wähler keine Demokraten waren.

Trumps rüde Attacken gegen Ausländer, Moslems und Frauen treiben Amerikas Jugend ins Lager von Clinton, selbst wenn sie nicht recht von ihrer Aufrichtigkeit und Prinzipientreue überzeugt sind. „Ich mache mir wegen des fanatischen Elements in unserem Land Sorgen, und darüber, dass diese Leute weiterhin für Trump sind, ungeachtet seiner Dummheit“, sagte die 31-jährige New Yorkerin Elizabeth Krueger im Rahmen der Ipsos-Erhebung. „Clinton wird keine perfekte Präsidentin sein. Aber wer wäre das schon?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2016)