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Nothilfe – neu: Schneller effizienter, eigenständiger

Angesichts der sich häufenden Katastrophen braucht es nicht weniger als eine Revolution in der humanitären Hilfeleistung.

Ein einziges Beispiel reicht, um deutlich zu machen: So können wir Helfer nicht weitermachen. In 20 Ländern musste das UN World Food Programme zuletzt nicht weniger als fünfmal hintereinander dieselben Bevölkerungen vor Klimaschocks retten. Kosten binnen zehn Jahren: 23 Milliarden US-Dollar.

Gleichzeitig sind die Not und damit der jährliche Bedarf an humanitärer Hilfe weltweit explodiert: von zwei Milliarden im Jahr 2000 auf über 20 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr – das ist eine Verzehnfachung.

Das hat viele Gründe, etwa Großkonflikte wie in Syrien, die auch zum Welternährungstag am gestrigen Sonntag wieder im Mittelpunkt standen. Zugleich hat das explosionsartige Anwachsen der Nothilfe einen Grund, den die Kriege dieser Welt derzeit in den Schatten stellen: die bereits dramatisch spürbaren Folgen des Klimawandels. Dabei hätten wir heute mehr innovative Werkzeuge und Mittel in Händen als je zuvor, um die Folgen des Klimawandels zu meistern, wenn wir die humanitäre Hilfe auf neue Füße stellen.

 

Vorgeschmack auf Katastrophe

Wer in die Zukunft schauen und wissen will, welche drastischen Auswirkungen die Klimaveränderung haben wird, muss akut nur auf das einmal mehr von einem Hurrikan geschundene Haiti schauen oder auf die Folgen des Wetterphänomens El Niño. Während noch unklar ist, wie eng dieses mit dem Klimawandel zusammenhängt, sind die dramatischen Folgen von El Niño schon wie ein Spiegelbild aller Vorhersagen zu den künftigen Auswirkungen des Klimawandels.

Allein im südlichen Afrika gibt es 7,5 Millionen Hungernde in den am schwersten von der Dürre betroffenen Ländern, vier Staaten haben bereits den nationalen Notstand ausgerufen. Und das Schlimmste steht den Menschen Ende des Jahres noch bevor. Es könnte nur ein Vorgeschmack sein: Handelt die Weltgemeinschaft nicht schnell, könnten durch den Klimawandel über 100 Millionen Menschen zusätzlich verarmen. Langfristig drohen die globalen Erntemengen um 30 Prozent zu sinken und die Nahrungsmittelpreise um bis zu 70 Prozent zu steigen.

Dies verdeutlicht zweierlei: Wir müssen erstens den Klimawandel bremsen. Zweitens müssen wir humanitären Helfer mit den dramatischen Folgen dieses Wandels ganz anders umgehen als in der Vergangenheit.

Die Vergangenheit ist: Wann immer ein Tornado, eine Überschwemmung, eine Dürre wütet, kommen die Nothelfer. Wir retten immer wieder dieselben Menschen, denn fast einmal pro Tag gibt es heute irgendwo auf dem Globus ein Wetterdesaster. Wir müssen deshalb die Hilfe verändern: Sie muss schneller, effizienter und vor allem eigenständiger werden. Wir müssen die Hilfe an die Betroffenen und ihre Regierungen selbst übergeben. Dafür gibt es bereits eine Reihe innovativer und bisher weitgehend ungenutzter Werkzeuge.

Stichwort Schnelligkeit: Eine WFP-interne Untersuchung hat ergeben, dass sich unsere Hilfe während einer Ernährungskrise in Niger binnen sechs Monaten um mehr als 300 Prozent verteuert hat – von sieben US-Dollar pro Mensch in Not auf 23 US-Dollar, als die Hilfsgelder endlich zur Verfügung standen. Vorfinanzierung ist hier das Schlüsselwort zur Problemlösung.

Hierzu braucht es aber einen Paradigmenwechsel: Es gilt, die heute viel ausgefeilteren Prognosen von Wetterdesastern zu nutzen – und aufgrund dieser Vorhersagen zu handeln. Nahrungsmittel, die bereits vor der Überschwemmung zu den Betroffenen gelangen, erreichen die richtigen Menschen zur richtigen Zeit – statt viel weniger Menschen mit sehr teuren Luftabwürfen inmitten einer Flut zu versorgen.

 

Innovative Instrumente

Stichwort Effizienz: Selbst wer Wetterprognosen nur bedingt vertraut, kann mit ihrer enormen Effizienz überzeugt werden. Je nach Landessituation kann bis zu sechs Mal falscher Alarm ausgelöst werden – sogar beim siebten Mal sind die Gesamtkosten für alle frühzeitigen Noteinsätze zusammen immer noch geringer, als wenn einmal mitten im Desaster gehandelt wird. Das Ziel heißt: die Risiken statt Katastrophen zu managen.

Dazu können auch innovative Instrumente dienen, die zugleich die Eigenständigkeit der betroffenen Menschen und Länder stärken, wie etwa „Wetterversicherungen“ und Risikofonds.

Die Erfahrungen mit Versicherungen wie auch mit Mikrokrediten waren nicht immer gut mit Blick auf die Ärmsten der Armen, die Hungernden und damit die, die sie am notwendigsten brauchen. Wie sollen gerade sie Kredite abstottern oder eine Versicherung bezahlen? Zum Beispiel mit ihrem größten Vermögen: ihrer Hände Arbeit. Innovative Versicherungen setzen heute nicht auf Geldprämien, die oft dauerhaft subventioniert werden müssen.

 

Risikofonds gegen Desaster

Ansätze wie die Rural Resilience Initiative tragen den Möglichkeiten der Ärmsten Rechnung. Sie stecken ihr Engagement in Projekte ihrer Gemeinde, die sie zugleich vor den Folgen der nächsten Dürre schützen – wie Bewässerungsanlagen, Dämme, Zisternen. Ihr Lohn ist eine Versicherungspolice. Rund eine halbe Million US-Dollar erhielten jüngst so versicherte Kleinbauern in Äthiopien, Senegal und Malawi als Auszahlung, weil El Niño ihre Ernten zerstört hat.

Was im Kleinen erste Erfolge zeigt, hat staatenübergreifend schon ganz andere Dimensionen: Mit der African Risk Capacity (ARC) haben die afrikanischen Staaten einen Risikofonds aufgelegt, der sie solidarisch vor Wetterdesastern schützt. Seit 2014 sind so Senegal, Mauretanien, Niger und Kenia versichert, Staaten wie Deutschland stellten das Stammkapital zur Verfügung. Schon 2015 kam es tatsächlich zur ersten Auszahlung: Auf die Dürre in Westafrika folgte eine Ausschüttung in Höhe von 24 Millionen US-Dollar.

Der Vorteil: Schlagen die Frühwarnsysteme an, erhalten die betroffenen Staaten sofort Hilfen und müssen nicht auf langwierige Zusagen, Mitteltransfers oder gar leere Versprechen aus dem Norden warten. Und springt statt der überforderten Hilfstöpfe eine Versicherung ein, sind umso mehr Mittel frei, um die Entwicklungsländer gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen, und erneute Hilfen sind immer weniger nötig.

 

. . . dann haben alle gewonnen

Gelingt es, diesen neuen Ansatz mit Blick auf Schnelligkeit, Effizienz und Eigenständigkeit der Hilfe durchzusetzen, haben alle gewonnen: Innovationen wie die ARC können heute schon bis zu 30 Prozent der Nothilfe in einer Krise finanzieren. Doch viel mehr ist möglich: Bisher wird beispielsweise das UN World Food Programme komplett aus freiwilligen Zuwendungen von zunehmend überforderten Regierungen und Spendern finanziert. Nutzen wir aber das Potenzial allein von Risikofonds, könnte das WFP schon in wenigen Jahren den Großteil seiner Hilfen nach Wetterdesastern aus Fonds statt aus Spenden ermöglichen.

Das wäre eine Revolution der humanitären Hilfe. Aber eine solche brauchen wir heute, um die Krisen dieser Welt zu meistern.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Ralf Südhoff
ist Direktor des UN World Food Programme in Deutschland, Österreich und der Schweiz; zuvor war er Pressesprecher. Er reist regelmäßig in die Krisenregionen der Welt. World Food Programme ist die größte humanitäre Organisation der Welt und unterstützt zurzeit etwa 80 Millionen Menschen in 75 Ländern. [ WFP ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2016)