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Pop

Jazzfestival: Heiße Klänge auf hohen Sohlen

Tia Fuller(C) Tia Fuller
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In Leibnitz beglückten die US-Saxofonistin Tia Fuller und das wilde Pianotrio The Bad Plus mit hochklassigen Konzerten. Das Jazzfestival gewinnt immer mehr Zuschauer.

Es war zu allen Zeiten so, dass sich Jazzmusiker Motive aus der Popularmusik gesucht haben, um sie zur jeweiligen Kenntlichkeit zu entstellen. Waren es früher Melodien aus Musicals, Volksmusik und Shows, sind es heutzutage Popsongs, die klug zerlegt und auf unkonventionelle Art neu zusammengesetzt werden. The Bad Plus, ein Trio aus Minneapolis, praktizierte dies schon früh in der Karriere. Das barg das Risiko, rasch selbst zur ausgeleierten Jahrmarktattraktion zu werden. Allein, die Herren Ethan Iverson (Klavier), Reid Anderson (Bass) und David King (Schlagzeug) gingen nicht in die Falle billiger Effekte. Mit viel Liebe und Ernst schufen sie sich dank eigener Kompositionen eine unverwechselbare Identität, ringen um jede musikalische Pointe. Vom Free Jazz kommend, zelebrierten sie beim ausverkauften Jazzfestival Leibnitz so heterogene Elemente wie süße Melodie, böses Geräusch und pointierte Leerstelle.

Ihr neues, höchst unterhaltsames Coverversionenalbum „It's Hard“ (Okeh) präsentierten sie nur am Rand. Fragile Eigenkompositionen wie „Prehensile Dreams“ und „Self Surf“ lockten das Publikum in jene herrlich versponnene Ästhetik, die The Bad Plus in jahrzehntelanger Zusammenarbeit entwickelt haben. Auffällig dabei: die hohe Luftigkeit ihrer Musik, aus ihr ist alles Redundante eliminiert. Als intime Kenner der Popmusik haben sie sich über die Jahre einen exzentrischen Katalog an Fremdkompositionen von Black Sabbath bis Aphex Twin geschaffen.

Den Vogel abgeschossen haben sie allerdings erst jetzt mit ihrer so schrägen wie innigen Version von „Mandy“, einer Brachialschnulze, die einst der surreale Barry Manilow berühmt gemacht hat. Mit Hingabe und unter Zufuhr köstlicher Bitterstoffe kreisten sie um diese klebrige Melodie, von der man glaubte, sie nie mehr wieder hören zu können. In weiterer Folge kitzelten The Bad Plus Jazziges aus dem simplizistischen „Roboter“ von Kraftwerk und sogar aus Johnny Cashs „I Walked the Line“, begeisterten mit klugen Rückgriffen auf älteres eigenes Material wie „1972 Bronze Medalist“ und „Lack the Face But Not the Wine“.

 

Viel zu selten: Jazz auf High Heels

Anderntags bezauberte US-Saxofonistin Tia Fuller im Trio mit überraschend reschen Riffs und eleganten Melodien. Die aus Aurora, Colorado, gebürtige Instrumentalistin wurde als Begleiterin von Granden wie Ray Charles, Nancy Wilson und R'n'B-Königin Beyoncé bekannt, mittlerweile ist sie erfolgreiche Solistin. In Leibnitz begann sie höflich mit der Ballade „Clear Mind“. Bereits mit der zweiten Nummer „Break through“ zeigte sie sich hochenergetisch. Mit furiosen Bebop-Linien scheuchte sie ihre etwas zu solide Rhythmusgruppe auf. Ihr bittersüßer Saxofonton strahlte „the black experience“ in sämtlichen Facetten ab. Blues-Fatalismus, Gospel-Ekstatik und die Sinnlichkeit des R'n'B – das hatte alles Platz in ihrem makellosen Jazz. Fuller löste mit ihrer komplexen Spielweise Begeisterung aus. Sie schaukelte ihre Musik – ausschließlich Eigenkompositionen – auf atemberaubenden High Heels: einer Sorte Schuh, die viel zu selten im Jazz zu sehen ist.

Das von Impresario Otmar Klammer im vierten Jahr geleitete Festival gewinnt von Jahr zu Jahr mehr Zuhörer. Die kluge Mischung aus klanglicher Kulinarik und kompromisslosen Sounds kam gut an. Und die enge Anbindung an die lokale Weinkultur war auch heuer nicht hinderlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2016)