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„. . . sonst kann ich nichts geben“: Dokumente aus dem Landesgericht

Wer redet heute von den mutigen Männern und Frauen, die dem Terrorregime der Nationalsozialisten Widerstand leisteten? Ihre Angehörigen leben unter uns.

Als der Historiker im Archiv den alten Brief öffnete, fiel ein Haarbüschel heraus. Offenbar hatte ihn noch niemand geöffnet. Warum auch? Schließlich war der Absender seit 70 Jahren tot. Hingerichtet. Sein Abschiedsbrief war nicht zugestellt worden. „Mein liebes Elfchen“, hatte der Verurteilte seiner Braut geschrieben, „ich liebe dich weiter, wenn ich auch sterbe. Das Schicksal hat uns hart angefasst. Ich sterbe mit erhobener Faust. Zur Erinnerung ein paar Haare – sonst kann ich nichts geben.“

Vermerk der Untersuchungshaftanstalt: „Brief nicht zustellen. Der Reichsminister für Justiz hat sein Gnadenrecht nicht genützt, sondern entschieden, dass der Gerechtigkeit freier Lauf zu lassen sei.“ Welcher Gerechtigkeit? Johann Schleich, Beruf: Dreher, geboren 1919, war Schüler marxistischer Jugendorganisationen gewesen. Hingerichtet wurde er am 4. Jänner 1945 im Landesgericht Graz. In seinem Akt findet sich das Abschiedsgeschenk an seine Verlobte: Haare.

Geöffnet wurde der Brief erst 2014. Der Historiker Wilhelm Weinert fand ihn im Bundesarchiv Berlin. Seine Sammlung der Korrespondenzen zum Tode Verurteilter umfasst mittlerweile vier Bände. Zum ersten Mal hat ein Wissenschaftler die vollständigen Briefwechsel zwischen Verhafteten und ihren Angehörigen dokumentiert. Ihre Korrespondenzen reichen von der Festnahme bis zu den Schreiben vor der Hinrichtung.

Was hatte man einander zu sagen? Die Angehörigen schrieben über die Kinder, Eltern, das Leben draußen und sprachen den Inhaftierten Mut zu. Die wiederum wussten, dass schon die geringste Andeutung über die Haftumstände genügte, damit ihre Briefe nicht weitergeleitet wurden. Daher sind andere Mitteilungen aufschlussreicher: die Kassiber, geheime Botschaften, die man aus dem Gefängnis und in die Zellen schmuggelte.

Auch sie finden sich in Weinerts Dokumentation: Meist waren es eng beschriebene Stofffetzchen, die man in die Wäsche einnähte. Wenige haben sich erhalten. Aus Angst vor Zellenkontrollen und Wohnungsdurchsuchungen hat man sie fast immer vernichtet. Sollten die zensurierten Briefe die Angehörigen beruhigen, las man in den Kassibern die Wahrheit: „Verhör von Freitag 17 Uhr bis Samstag 8 Uhr Früh ununterbrochen. Mutter, du kannst mir glauben, ich habe alles getan, um alles auf mich zu nehmen und niemanden verraten zu müssen. Man schlug mich viel und ließ mich auf den Händen aufhängen. Bekam beim zwölfstündigen Verhör angedroht, man werde meine Braut, Eltern und alle Bekannten verhaften. Ich markierte Zusammenbruch, weinte und spie falsche Sachen aus.“

Kassiber, die nach draußen gingen, enthielten Bitten wie „Mine von einem Tintenstift in den Kragen einnähen“ oder Warnungen vor Spitzeln, die die Gestapo in die Widerstandsbewegung eingeschleust hatte. Vor „Ossi“ etwa, einem Agent provocateur; oder „Sonja“, die Grete Kahane hieß: zwei frühere Kommunisten, die die Gestapo unter Todesdrohung erpresste.

Man geht davon aus, dass ihnen die Verhaftung von etwa 800 Widerstandskämpferinnen und -kämpfern zuzuschreiben ist. Die Architektin Grete Schütte-Lihotzky, die zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, war ihr prominentestes Opfer. Andere endeten unter dem Fallbeil.

Die Verurteilten trösteten die Angehörigen in ihren Abschiedsbriefen, hofften für die geliebte Frau, sie möge einen guten Gatten finden, und ermahnten ihre Kinder, brav zu lernen. Manche der angesprochenen Töchter und Söhne leben unter uns. Ein damaliges Kleinkind ist heute Obmann der Kameradschaft der politisch Verfolgten. Die Gedanken und Reflexionen ihrer verurteilten Väter und Mütter über den Sinn des Lebens zeigen eine Größe, Menschlichkeit und Tiefe, die den Kriegsverbrechern des Nürnberger Prozesses ausnahmslos fremd war.

Die Korrespondenz der zum Tode Verurteilten wird am Nationalfeiertag im Wiener Landesgericht, wo einst die Guillotine stand, vorgestellt werden.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang 2011 ist er
Vorsitzender des Österreichischen
Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2016)