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Kurdischer Brigadier: "Viele IS-Kämpfer wollen fliehen"

Brigadier Hazhar Ismail
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Der kurdische Brigadier Hazhar Ismail berichtet, dass die Moral der Jihadisten niedrig sei. Einige seien jedoch bereit zu sterben. Dabei könnten sie auch Chemiewaffen einsetzen.

Die Presse: Welche Rolle spielen die kurdischen Peshmerga bei der Rückeroberung Mossuls?

Hazhar Ismail: Es gibt ein Übereinkommen: Nur Iraks Armee und Sicherheitskräfte werden in die Stadt Mossul einrücken; unsere Peshmerga unterstützen diesen Vorstoß und sichern strategisch wichtige Punkte in der Mossulebene. Die Peshmerga befreiten dabei am ersten Tag der Offensive 200 Quadratkilometer und neun Dörfer. Die Koalitionstruppen gingen davon aus, dass das drei bis vier Tage dauern wird, aber wir haben es in wenigen Stunden geschafft. Wir werden in der Kurdenregion zudem eine Aufmarschzone für Iraks Truppen öffnen. Dann können sie nicht nur vom Süden, sondern auch aus anderen Richtungen auf Mossul vorrücken.

Was macht die Rückeroberung Mossuls so schwierig? Laut einigen Schätzungen gibt es dort nur noch rund 4000 IS-Kämpfer.

Ich glaube, dass der IS mehr als 4000 Kämpfer in Mossul hat. Und im Umland der Stadt stehen wohl noch einmal mehrere tausend Kämpfer. Die größte Schwierigkeit bei der Befreiung Mossuls liegt darin, dass sich in der Stadt nach wie vor mehr als eine Million Zivilisten befinden. Und wir befürchten, dass der IS versuchen wird, Menschen als lebende Schutzschilde zu missbrauchen. Der IS setzt Minen, Sprengstofffallen und Scharfschützen ein – das inmitten einer sehr großen Zahl an Zivilisten.

Wird der IS auch erneut Chemiewaffen einsetzen?

Der IS verfügt über chemische Waffen, aber nicht in großen Mengen. Er könnte sie aber vor allem als Mittel der psychologischen Kriegsführung einsetzen. Er könnte versuchen, damit die Moral der irakischen Soldaten und anderer Kräfte zu untergraben.

 

Hilfsorganisationen erwarten eine Massenflucht aus Mossul. Wie wird sich das auf die Kurdenregion auswirken?

Diese Menschen aufzunehmen wird eine wichtige Aufgabe der Kurdenregion sein. Die Kurdenregion hat bereits jetzt mehr als 1,8 Millionen Flüchtlinge und intern Vertriebene aufgenommen. Jetzt erwarten wir weitere 300.000 bis 500.000 Menschen.

Welches Verhalten erwarten Sie von der Bevölkerung Mossuls gegenüber den Anti-IS-Truppen?

Auch viele aus der arabisch-sunnitschen Bevölkerung unterstützen die Sicherheitskräfte bei der Befreiung Mossuls. Am Montag wurde ein IS-Kämpfer in der Stadt getötet, denn die Menschen von Mossul haben genug von der Herrschaft des IS. Zwar gibt es Personen in Mossul, die den IS unterstützen. Der Großteil der Bevölkerung will aber, dass ihre Stadt so rasch wie möglich befreit wird.

Vor zwei Jahren fand in Mossul ein Aufstand gegen Bagdad statt, von dem dann der IS profitierte. Werden nicht viele Menschen in Mossul nach wie vor skeptisch gegenüber einem Einmarsch irakischer Regierungstruppen sein oder auch Angst haben?

Vor zwei Jahren hat der IS die schlechte Politik der damaligen irakischen Regierung ausgenutzt. Er konnte Mossul übernehmen, weil viele in der Bevölkerung dachten, die IS-Kämpfer seien eine Art Befreier. Aber nach zwei Jahren IS-Herrschaft sehen sie, dass die IS-Kämpfer keine Befreier sind, sondern Terroristen, die die Menschen unterdrücken. Wichtig ist, dass Iraks Truppen keine Fehler machen und die Zivilisten schützen und respektieren. Iraks Premier, Haidar al-Abadi, hat zugesagt, dass nur Armee und Polizei in Mossul einrücken werden und keine schiitischen Milizen. Und Iraks Regierung muss die offenen politischen Fragen mit den Sunniten und anderen Minderheiten klären.

Wie lang wird es dauern, bis Mossul eingenommen ist?

Das hängt von den weiteren Schritten des IS ab. Viele seiner Führer wurden getötet, und viele seiner Kämpfer wollen fliehen. Aber zugleich wollen einige von ihnen weiterkämpfen und sterben. Die Moral des IS ist jetzt sehr niedrig. Wir werden den IS aus seinem Territorium verjagen. Aber er wird als Organisation im Irak und in Syrien bestehen bleiben und Attentate verüben. Nach dieser Operation sollten wir unsere Koordination mit den irakischen Truppen und den Koalitionstruppen aufrechterhalten und Informationen teilen. Und die Koalitionstruppen sollten bleiben und die Peshmerga und die irakischen Kräfte unterstützen.

 

Erwarten Sie, dass auch türkische Bodentruppen in die Kämpfe um Mossul eingreifen?

Das ist eine Angelegenheit, die die türkische Regierung mit der irakischen Regierung klären muss. Es bestehen in dieser Frage Spannungen zwischen Ankara und Bagdad. Und die beiden sollten das auf friedlichem Weg mit Verhandlungen lösen. Denn die Türkei ist ein wichtiger Nachbar.

ZUR PERSON


Brigadier Hazhar Ismail
ist hoher Beamter im Verteidigungsministerium der Kurdenregion des Irak. Er absolvierte das US Army War College. [ Schneider ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2016)