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"Ich bin kindlich, verspielt und langeweile mich schnell"

Andreas Kriegenburg im Gespräch mit der ''Presse''
Andreas Kriegenburg im Gespräch mit der ''Presse''(c) Reinhard Maximilian Werner

Andreas Kriegenburg inszeniert den Schwank "Pension Schöller" von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby im Burgtheater. Mit der "Presse" sprach er über seine Lust "am Quatsch machen" und über ernste Politik.

Die Presse: „Pension Schöller“, eine turbulente Tür-auf-Tür-zu-Komödie, ein Schwank über normale Verrückte und verrückte Normale in einem Hotel. Die Versuchsanordnung hat etwas Kindisches. Haben Sie Kinder?

Andreas Kriegenburg: Ich habe sechs Kinder und einen Enkel.

Sind Sie ein begeisterter Vater?

Ja, aber völlig unbegabt. Ich bin einfach zu viel unterwegs. Meine Biografie klingt dramatisch, aber letztlich hat es sich so ergeben: Drei Frauen, drei Beziehungen, aus denen Kinder entstanden sind.

In „Pension Schöller“ treten leider keine Kinder auf.

Doch, es gibt die Generation, die verheiratet werden soll.

Ich dachte, Sie sind mehr ein ernster Mensch.

Deshalb war ich sehr froh, dass das Burgtheater mir „Pension Schöller“ angeboten hat. Eben weil ich als Regisseur eher auf dunkle, melancholische Stoffe festgelegt bin.

„Pension Schöller“ für Anfänger, worum geht es?

Es geht um die Selbstgewissheit der bürgerlichen Mittelschicht.

Ist die denn noch selbstgewiss nach der Finanzkrise?

Der Mittelstand ist immer die personifizierte Existenzbedrohtheit.

Was gibt es für Themen in der „Pension Schöller“ außer dem vordergründigen Tohuwabohu?

Klapproth, ein wohlhabender Mann aus der Provinz, kommt in die Großstadt und sucht Material für seinen Stammtisch, weil ihn dort ein Kollege ausgestochen hat. In der Provinz, aber nicht nur dort, wird ja jegliches Aus-der-Norm-Fallen schon mit Verrücktheit gleich gesetzt. Klapproth will in Berlin seine Klischees vom Wahnsinn der Großstädter bestätigt sehen. Man kann ihm leicht glaubhaft machen, dass sehr euphorische, originelle Menschen verrückt sind. Das ist das Faszinierende an dem Stück, es gibt darin fast nur positive Figuren. Natürlich ist „Pension Schöller“ keine hohe Literatur.

Der Witz ist leicht verderblich, man kann nicht wie bei den Marx Brothers oder bei Charlie Chaplin immer wieder darüber lachen.

Ich habe schon bei der Konzeptionsprobe dem Ensemble gesagt, es soll sich Filme mit den Marx Brothers anschauen.

Was bringt Sie selbst zum Lachen?

Spiel! Ich bin ein verspielter Mensch, mir wird schnell langweilig, ich bin ungeduldig und kindlich. Ich lache nicht so häufig im Theater, aber gerne. Für mich ist es ein unglaubliches Vergnügen, diesen tollen Schauspielern, die ich für „Pension Schöller“ im Burgtheater habe, zuzusehen. Ich mag es, wenn Menschen miteinander auf die ausgelassenste Art Quatsch machen – in einem geschützten Raum, wo sie keine Angst haben müssen vor schlechtem Geschmack. Sie sollen keine Niveaubremse und keinen Sensor im Kopf haben bei den Proben. Das muss ja nicht alles auf die Bühne.

Haben Sie die legendäre „Pension-Schöller“-Aufführung in den Wiener Kammerspielen gesehen? Mit Maxi und Alfred Böhm? Sie läuft in voller Länge auf Youtube.

Nein, die werde ich mir auch nicht anschauen. Ich habe den Schauspielern gesagt, wir haben einen Freibrief. Wir dürfen eine Klamotte machen, die vom Plot her grandios ist. Gebt eurer Fantasie die Sporen, habt Lust an der Unordnung und an der Anarchie.

Sie leben in Berlin. Wie geht's den Theatern? Sind Sie voll?

Sie sind voll, aber sie produzieren wie die Verrückten. Der quantitative Ausstoß ist unglaublich. Das Deutsche Theater hat über 60 Stücke im Repertoire. Die Theater finden relativ wenig neues Publikum, also wenden sie sich an jene, die öfter ins Theater gehen. Das Theater versucht origineller zu produzieren. Es streckt seine Fühler in sämtliche ästhetische Richtungen aus, zu den Experten des Alltags, in Richtung Performance usw.

Einen Klassiker vom Blatt zu spielen, das geht heute nicht mehr.

Um etwas Ketzerisches zu sagen: Schiller oder Lessing sorgfältig vom Blatt zu spielen, dafür ist nicht mehr die Zeit vorhanden in der Mühle des Spielbetriebs. Die Bühnen haben sich einer ökonomischen Kategorie unterworfen. Das historische und seinem Wesenskern nach elitäre Theater wurde immer weiter zurück gedrängt. Dass ein solcher Aufwand für Wortkunst betrieben wird, darauf kann man stolz sein. Darin liegt ein humanistisches Potenzial, dass eine Gesellschaft sagt, wir gönnen uns das und finanzieren es auch. Und die deutschen Schauspieler sind sehr gut ausgebildet. Aber: Um die Gedankenwege von „Maria Stuart“ zu verstehen, sich an die Sprache zu gewöhnen, das kann man nicht in sechseinhalb Wochen machen. Es fehlt der gesamte Anfertigungsrahmen und es fehlen auch die finanziellen Mittel. Wobei das Burgtheater noch die besten Bedingungen bietet.

Sie waren von 1999 bis 2001 am Burgtheater. Das war die Anfangszeit von Nikolaus Bachler, heute Direktor der Bayerischen Staatsoper in München. Einerseits hatten Sie erfolgreiche Aufführungen wie „Lulu“ oder „Dantons Tod“, andererseits ein Fiasko mit „Fiesco“. Ich dachte immer, sie sind aus Wien weg gegangen, weil sie dachten: Die Wiener verstehen mich nicht.

Nein. Ich hatte eine Verabredung mit Ulrich Khuon für Hamburg. Ich hatte keine glückliche Zeit in Wien. Das stimmt, aber in der Rückschau bin ich überrascht, wie gern ich wieder hierher zurückgekommen bin. Ich war 1999 natürlich viel jünger. Ich war ästhetisch noch am Ausprobieren, ich habe genussvoll Fehler gemacht. Die Inszenierung von Schillers „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“ im Jahr 2000 war eine Anmaßung, aber trotzdem eine großartige Inszenierung. „Fiesco“ ist ein unglaublich schmutziges und zynisches Stück voll böser, gewalttätiger Menschen. Da ist Schiller sehr weit gegangen und das habe ich gezeigt. Es war eine Zeit, als sich die österreichische Gesellschaft in den Donnerstagsdemonstrationen gegen Schwarz-Blau selbst sehr wach und politisch erlebt hat.

Und wo stehen wir heute politisch?

Es geht uns in Europa relativ gut – und es wird unglaublich viel gejammert. Das liegt vielleicht daran, dass die letzten Jahrzehnte eine Vision die Gesellschaft begleitet hat, nämlich die, dass sich alles verändern, immer besser wird. Diese Vision ist verschwunden. Wir leben heute in einer Gesellschaft, die sich bemüht, den Status quo aufrecht zu erhalten. Das Instabile nehmen wir als Bedrohung wahr, was völlig irrational ist.

Ich glaube, es gibt sehr viele arme Leute in Europa.

Die armen Leute haben Europa noch nie gestört. Wir fühlen uns auch nicht bedroht von Armut, sondern von Afrika oder dem Nahen Osten. Der rechte Rand der Gesellschaft sagt nicht, wir müssen die hauseigene Armut bekämpfen, sondern es dürfen keine fremden Armen mehr kommen. Vor allem aber darf sich nichts bewegen. Tatsächlich sehen wir immer wieder, wie instabil alles ist und die Decke der Zivilisation und des Humanismus, auch des unseren, ist erschreckend dünn. Leute, von denen man es nie gedacht hätte, zünden Autos, Häuser oder Mitmenschen an.

Zur Person

Andreas Kriegenburg wurde 1963 in Magdeburg geboren. Er ist gelernter Modelltischler. In der Werkstatt des Gorki-Theaters in Berlin entdeckte er seine Theaterbegeisterung
1991 heuerte er an Frank Castorfs Volksbühne an und bot als Regisseur zu diesem reizvolle Kontraste. Am Burgtheater inszenierte Kriegenburg Wedekinds Lulu, eine Kombination von Dantons Tod (Büchner) und Der Auftrag (Heiner Müller) sowie die Verschwörung des Fiesco zu Genua (Schiller). Bei den Wiener Festwochen gastierte
Kriegenburg mit Kafkas Prozess (Thalia Theater Hamburg).

In Salzburg zeigte er zuletzt Horváths Don Juan mit Max Simonischek, der ans Burgtheater engagiert wurde und in Pension Schöller spielt, die Aufführung ist ab
22. 10. im Burgtheater zu sehen.