Porzellan: Scherben bringen Schmuck

Kette von Gésine Hackenberg
Kette von Gésine Hackenberg(c) beigestellt
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Geschirr wird jetzt tragbar: Schmuckdesign spielt neuerdings mit der Tradition von Porzellan.

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Geschirr, das wir täglich benützen − wie Teller oder Tassen −, ist uns ähnlich vertraut wie Schmuck, den wir eng am Körper tragen. Sagt die Objektkünstlerin Gésine Hackenberg aus Amsterdam. Und sie hat irgendwie recht: Wenn das Lieblingshäferl aus der Büroküche verschwindet, schmeckt der Kaffee nicht wie sonst. Wenn eine Tasse des von der Großmutter geerbten Services zerbricht, geht damit auch ein Stück Erinnerung verloren, ein kleines Stück Liebe.

Geschirr kann die Bedeutung von Juwelen haben, wird gewissermaßen zu Alltagsjuwelen, ist Hackenberg überzeugt. Von diesem Gedanken ausgehend, verwandelt sie Teller vom Flohmarkt oder geerbte Stücke zu tatsächlich tragbarem Schmuck: Sie stanzt Scheiben aus, die sie zu Halsketten zusammenfügt, zu ihren „Kitchen Necklaces“. Nicht nur Delfter Keramik kommt der Designerin unters Messer, sie fertigt ihre „Perlen“ auch aus britischen Wedgwood-Stücken oder Objekten der belgischen Manufaktur Royal Boch, die gerade ihre Pforten schließen musste. Gerade Teller aus aufgelassenen Kollektionen reizen Gésine Hackenberg, da sie mit ihren Schmuckstücken dem Geschirr gewissermaßen eine Zukunft sichern kann.

Handwerkliches Erbe. Einen ähnlichen Gedanken verfolgt auch Eva Maisch, die mit der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin, kurz KPM, zusammenarbeitet. „Allein seit Bestehen unserer Kooperation wurde KPM viermal verkauft“, erzählt Maisch. „Ich möchte mit meinen Schmuckstücken ein bisschen dazu beitragen, dass dieses handwerkliche Erbe bewahrt wird.“ Sie lässt für ihre Ketten, Ringe und Ohrgehänge von KPM ovale Scheiben anfertigen, die in der Manufaktur auch gleich bemalt und signiert werden, fasst sie wie Edelsteine in Gold und fügt sie zu Schmuckstücken zusammen. Eva Maisch arbeitet dabei fix mit bestimmten Malern zusammen, die auf ihre Motive spezialisiert sind – eine Praxis, die übrigens in den großen Porzellanmanufakturen wie KPM, Augarten oder Meissen heute noch durchaus üblich ist: Manche malen nur florale Muster, manche nur Figuren. Maisch hat für ihre Porzellanschmuckstücke in den Archiven von KPM gestöbert und etwa ein Liebespaar zutage gefördert, das ursprünglich auf einer Rokoko-Tabakdose traut beisammen saß, nun aber auf einer Halskette schmachtend getrennt ist. Für Eva Maisch ist es wichtig, dass die klassischen Motive entfremdet werden, sie platziert daher nur Ausschnitte aus bekannten Dekoren auf den Medaillons, fast wie versehentlich. Die Tradition wird so quasi entstaubt.

Traditionsgeladen. Auf Motive aus dem Archiv bezieht sich auch Patrik Muff, der für die Manufaktur Nymphenburg eine Kollektion entwarf. Etwa einen Totenkopfanhänger, angelehnt an einen Porzellantotenkopf von 1756. Patrik Muff verwendet in seinen Kollektionen immer wieder Symbole von Glaube, Tod und Hoffnung wie eben Totenköpfe oder Flügel. „Und bei einer bayerischen Traditionsmanufaktur durfte natürlich auch das Kreuz nicht fehlen“, sagt er. Schwarzes und weißes Porzellan wird in Formen gepresst, die zuvor aus Wachs und Gips geschnitzt wurden. Mit Gold- und Silberösen werden die Stücke dann zu tragbaren Talismanen, zur Serie „Essentials“.

Porzellan als ungewöhnliches Schmuckmaterial mit Geschichte reizte Patrik Muff ebenso wie Eva Maisch oder auch Gaby Wandscher, die mit Meissen, Europas ältes-ter Porzellanmanufaktur, eine kleine Kollektion verwirklichte. Auch Wandscher spielte mit klassischen Motiven aus dem Archiv, etwa dem Meissener Ming-Drachen. Die Kooperation mit zeitgenössischen Schmuckdesignern ist für alte Porzellanmanufakturen, die oft ums Überleben kämpfen, eine gute Möglichkeit, sich neu zu positionieren. Manche sind dabei ein Stück weiter als andere, bei Royal Copenhagen etwa ist in diese Richtung noch nichts geplant, Meissen hingegen bringt im Herbst eine neue Kollektion heraus.

Augarten und Rosenthal gehen es eher klassisch an, entfremden nicht Material und Dekore, sondern bieten schlicht Broschen oder Armreifen aus ihrem Stammmaterial Porzellan. Cornelie Holzach, die Leiterin des renommierten Schmuckmuseums Pforzheim, ist von solchen Ansätzen weniger begeistert. „Die Tradition, etwa Medaillons für Anhänger aus Porzellan anzufertigen, reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. An solchen Bildchen ist aber gar nichts spannend, da wird weder mit den formalen noch mit den haptischen Reizen von Porzellan gearbeitet.“ Dabei sei Porzellan doch so ein interessantes Material für das heutige Schmuckdesign, es habe eine riesige Tradition als Gebrauchsgut, mit der man spielen kann, und auch die Haptik biete so viele Möglichkeiten. „Man muss sich nur darauf einlassen.“

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